Was machen wir heute? : Mit dem Kanzler baden

Wie eine Westberlinerin die Stadt erleben kann

Verena Friederike Hasel

Damals als ich in einer Provinz namens Westberlin aufwuchs, dachte ich, Politik passiere, indem sich zwei Menschen zusammensetzten und die Füße in die Luft hielten. Das schloss ich aus der Form der Henry-Moore-Skulptur, die in den Nachrichten auftauchte, wenn von Politik die Rede war.

Inzwischen ist Bonn längst Provinz, die Füße streckt es immer noch in die Luft, wie ich neulich auf einem Spaziergang durchs ehemalige Regierungsviertel Bonns sah. Während sie in Berlin die Hauptstadt aufgebaut haben, sind sie hier mit ihrem Abbau beschäftigt, dazwischen finden sich Relikte: Ein verwaister Parkplatz mit dem Hinweis „Bundesrat“, ein Bundestagsgebäude, vor dem ein Schild in den Farben der Müllabfuhr davon kündet, dass hier eine Consulting-Firma berät, und der Kanzlerbungalow, in dem es riecht, als nisteten dort Mäuse. Er sieht aber auch nicht so aus, als habe hier ein Kanzler residiert, so klein und niedrig sind die Privatzimmer, ein Zugeständnis an die Bürger: Sie hatten sich über die zwei Millionen Mark Baukosten beklagt, und so schrumpfte man die Räume und senkte die Decken ab, und das angebliche Schwimmbecken im Innenhof ist eher eine große Badewanne. Von dort aus ist es nicht weit zu einem kleinen Pfad mit tief hängenden Zweigen, überall auf der Welt schleicht man auf solchen Wegen zur Geliebten, in der Bonner Republik gelangte der Kanzler so hinüber zur Villa Hammerschmidt, dem Wohnsitz des Präsidenten.

Daran denke ich, als ich eine Woche später wieder durchs Regierungsviertel spaziere. Dieses Mal braucht es viele Schritte vom Präsidenten zum Kanzler, ich bin nicht am Rhein, sondern an der Spree, laufe vom Schloss Bellevue zum Bundeskanzleramt und denke, als ich das Gebäude sehe, größer als das Weiße Haus, mit Kanzlerapartment im achten Stock, an bronzefarbene Füße in der Luft und das, was deutsche Politik einmal war.

Am Wochenende ist Tag der offenen Tür in den Berliner Regierungsbauten. Zum Vergleich nehme man danach am Hauptbahnhof einen Zug nach Bonn.

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