Kultur : Was machen wir heute?: Mit der Puppenkiste fahren

Bernd Ulrich

Wir haben ein neues Auto. Was an sich keiner Erwähnung wert wäre. Aber es hat unser Familienleben nach dem 11. September gleich zweifach verändert. Zum einen psychologisch. Zwei Wochen lang gab es bei uns fast nur ein Thema, die Anschläge. Für unsere Älteste war es gewiss gut (für die Eltern sowieso), das alles zu besprechen. Franziska konnte es in der Schule, im Gottesdienst und eben am Frühstückstisch einigermaßen in eine Ordnung bringen. Und Luise ist noch zu klein, um zu verstehen. Gegenüber Krieg und Terror schließt ihr Kokon sie noch perfekt ab.

Nur für Fritz wurde das Thema New York mehr und mehr zur Belastung. Er ist mit seinen vier Jahren schon zu alt, um es zu ignorieren und noch zu jung, um zu begreifen. Am Tag danach hatte er sich die Sache so zurecht gelegt: "Das Flugzeug des Bundeskanzlers ist in das Haus geflogen." Von da an lenkten wir das Gespräch in eine andere Richtung, sobald der Kleine dazukam. Doch das reichte nicht. Eines Morgens schauten meine Frau und ich mal wieder CNN, zum 2000. Mal wurden die einstürzenden Türme gezeigt. Doch als Fritz hereinkam, schrie er uns an: "Hört endlich auf Nachrichten zu gucken!". Aus.

Von da an spielten wir lieber das Familienspiel: Warten aufs Auto. Die Ausstattung wurde noch einmal erörtert, wir überlegten, wohin wir fahren würden, wenn es denn endlich da ist - zu Oma und Opa in die Eifel, zu Heike und Helmut nach Bonn. Wichtig auch, welche CDs wir im Auto hören würden. Favorit ist die Musik der Augsburger Puppenkiste. Nicht zuletzt und immer wieder: "Wann holen wir es ab, Mama?"

Vorgestern war es dann so weit. Und sofort machten sich die sozialen Folgen des Autokaufs bemerkbar. Dazu muss man vielleicht gestehen, dass meine Frau und ich im Moment sehr gern fahren möchten, wir freuen uns regelrecht darauf. (Selbstverständlich bei unvermindertem Weiterwirken aller ökologischen Erwägungen). Am Donnerstag also durfte der Wagen abgeholt werden. Da konnte ich nicht, weil ich arbeiten musste. Ich muss derzeit überhaupt nur noch arbeiten - auch so eine Folge des Terros. Am Freitagmorgen fragte ich dann, ob ich denn mal ausnahmsweise mit dem Auto zur Arbeit fahren dürfe. Gleich zog meine Frau sieben bis acht unabweisbare Termine aus der Tasche: Fritz hat doch Erntedankfest, Franziska muss zu ihrer alten Schule gebracht werden und Luise um 19 Uhr vom Besuch bei ihrem Kindergartenfreund abgeholt werden. Die Wahl der Uhrzeit zeigt die ganze Raffinesse meiner Frau, weil ich um die Zeit nie zuverlässig ja sagen kann. Freitag also nicht. Und, äh, Samstag, vielleicht? Da muss ich doch auch arbeiten. Samstag, ruft sie, Samstag? Ja, wo lebst du denn? Da muss ich doch mit den drei Kindern zum Markt. ZUM MARKT! MIT DREI KINDERN!

So ist das also mit dem Vater und dem Auto. Ich kriege es nur, wenn ich was mit den Kindern mache. Morgen nehme ich mir frei, und dann fahre ich mit den Kindern den ganzen Tag rum und höre die Puppenkistenlieder. Und der Volvo ist die Emma.

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