Was machen wir heute? : Mit Heulbojen essen

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Im „Stella“ am Lietzensee kann man sie vergessen: die Zeit, die Arbeit, Frauen, Kinder, Fußball, Mord und Totschlag, einfach alles. Dösen ist angesagt. Träge schwappt das Trüb-See-Wasser ans Ufer, über die Brüstung gebeugt zählst du die munteren Fischlein mit den roten Schwänzen oder die Enten, wie sie sich um die Krümel balgen. Das gemischte Publikum liest taz, SZ und Tagesspiegel, trinkt Wein und trägt manchmal Westen, kurze Hosen und weiße Söckchen. Oder Röcke, so wallend wie die Frisuren.

Dies ist ein Selbstbedienungsrestaurant, Bewegung tut schließlich gut. Wer etwas bestellt, sieht sich modernster Apparatetechnik ausgeliefert: Er bekommt eine schwarze Scheibe, die – irgendwie geheimnisvoll mit der Küchentechnologie verbunden – vollelektronisch und akustisch anzeigt, wann der Parmesankäse auf den Penne gelandet ist. Das Gerät ähnelt einem Diskus. In dem Moment, da das bestellte Gericht dampfend auf dem Tresen zur Abholung bereitsteht, scheppert die Scheibe los, das heißt, sie heult auf wie eine Sirene und blinkt wie das Raumschiff Orion. Nun flitzt der Gast los, tauscht seine Heulboje gegen die Makkaroni ein. Sie merken schon, wie mich diese technische Servierkraft in Begeisterung stürzt, voll krass, würde der Enkel sagen. Wer seine Nerven noch intensiver der Erholung hingeben möchte, der bediene sich beim Hinausgehen an einer Pinnwand: „Du allein entscheidest, ob dein Leben einer kriechenden Raupe oder einem entfalteten Schmetterling gleicht“ – ergo eile zu Aroveda, Shiatsu oder Klangschalentherapie in die Praxis für alternative Heilverfahren, da bringen sie dir das bei. Yoga geht auch, wer möchte nicht das eigene Leben mit innerer Energie bereichern! Oder: „Stressbewältigung durch Achtsamkeit“, acht Abende und ein Vertiefungstag. „Entdecke die Frau in dir und lerne sie lieben“ gilt für „die Liebende, die Kraftvolle, die Zicke und alle anderen“. Ich bin die Zicke, da geh ich hin! Lothar Heinke

Café Bootshaus „Stella“ am Lietzensee, täglich ab 11 Uhr geöffnet.

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