Was machen wir heute? : Musik streichen

Wie ein Vaterdie Stadt erleben kann

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Kinderlärm steht in Berlin neuerdings unter dem besonderen Schutz des Staates. Nach dem kürzlich geänderten Immissionsschutzgesetz müssen auch Eltern den Krach ihrer Blagen „als Ausdruck selbstverständlicher kindlicher Entfaltung“ klaglos hinnehmen. Die Damen und Herren Gesetzgeber sollten mal ihr Ohr hinhalten, wenn ihnen meine dreijährige Tochter Greta aus nächster Nähe ein nervenzerfetzendes „Neiiiin“ entgegenbrüllt. Das pfeift nach wie ein Heavy-Metal-Konzert. Mit gutem Zureden finden Sie da kein Gehör. Seit einigen Tagen bin ich sogar etwas heiser.

Die CDU-Opposition hätte es gerne noch etwas toleranter geregelt. In ihrem Gesetzentwurf „Kinderlärm ist Zukunftsmusik“ sollte auch häusliches Musizieren vor Beschwerden von Nachbarn in Schutz genommen werden. Die rot-rote Koalition hielt das aber nicht für nötig. Kindliche Lärmbelästigungen durch schiefe Töne lassen sich politisch auch anders eindämmen, zum Beispiel indem man die Musikstunden an den Schulen zusammenstreicht. Oder die bezirklichen Musikschulen kaputtspart. So wie in FriedrichshainKreuzberg, wo in diesem Jahr 220 000 Euro Honorarmittel gekürzt wurden und nun das Geld für 21 Lehrer fehlt. Unsere Tochter Emma hatte Glück. Sie darf ihren Gitarrenlehrer vorerst behalten. Im nächsten Jahr sollen allerdings weitere 100 000 Euro gespart werden. Dann könnte es sich ausgeschrammelt haben.

Aber als bürgerliche Mitte Kreuzbergs wollen wir uns nicht beklagen. Irgendwoher muss das Geld ja kommen für die Steuergeschenke der schwarz-gelben Bundesregierung. Dank derer haben wir jetzt mehr Netto vom Brutto und könnten davon einen Privatlehrer engagieren, der Emma zu Hause Gitarrenstunden gibt. Auf die Beschwerden von Nachbarn pfeifen wir. Stephan Wiehler

Am heutigen Sonnabend ab 16.30 Uhr spielen Schüler der Musikschule Friedrichshain-Kreuzberg in der Konzertreihe „Gegenwärtig – zukünftig“ Werke von Bach, Lesser und Toub. Anschließend spielt das Lehrer-Ensemble „Xelmya“, im Bethanien, Mariannenplatz 2 in Kreuzberg. Der Eintritt ist frei.

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