Kultur : Was machen wir heute?: Mutproben bestehen

Markus Huber

Neulich hat die Frau an meiner Seite die Fitness entdeckt. Das ist prinzipiell gut, weil wir ja in einer Zeit leben, in der angeblich nur die Fittesten überleben. Und sowieso bin ich sehr dafür, dass die Frau an meiner Seite nicht nur die Zeit, sondern im Idealfall auch mich überlebt. Fitness also, ja, sie nimmt es sehr ernst. Mehrmals die Woche packt sie ihre graue Sporttasche, teilt mich zum Babydienst ein und verschwindet für zwei Stunden in ein Körperertüchtigungsinstitut mit äußerst eigenartigem Namen: "Jopp - Fitness für Frauen". Zuerst dachte ich, dass sich der weltbekannte Designer mit dem Institut einen lange gehegten Wunsch erfüllt hat, bis ich bemerkte, dass da ein "P" zuviel und ein "O" zuwenig ist. Gut, blieb immer noch der Nachsatz "Fitness für Frauen". Was ist daran anders? Haben Frauen spezielle Fitness-Geräte, haben sie hübschere Hanteln oder buntere Laufbänder? Die Frau an meiner Seite ließ mich mit diesen brennenden Fragen stets allein zurück, schmunzelte nur und meinte, dass ich das wohl nie erfahren werde - denn das Wesentliche bei "Jopp" wäre, dass ich als Mann keinen Zutritt in das Studio hätte. Tätarättää! Und schon hob meine Fantasie ab zu einer langen Reise. Ein Fitness-Studio, in dem ausschließlich durchtrainierte Frauen schwitzen? Ich musste dorthin. Und wenn es auch nur für ein paar Minuten wäre. Ich begann Pläne zu schmieden. Die Sache mit der Verkleidung verwarf ich schnell, weil ich noch größer als Ru Paul bin. Die Klempner-Nummer scheiterte in Ermangelung eines professionell verdreckten Werkzeug-Koffers. Blieb nur das Baby, das in seinem rosaroten Strampelanzug eindeutig als weibliches Wesen zu erkennen ist. Als die Frau an meiner Seite wieder einmal ihre graue Sporttasche schulterte, war es so weit. Ich wartete noch eine halbe Stunde, bis ich sicher gehen konnte, dass sie am Laufband angekommen war. Dann musste ich nur noch das Baby zum Schreien bringen. Wenn man ihm den Schnuller wegnimmt, ist das in der Regel keine große Affäre. Mit dem wie am Spieß schreienden Kind traf ich ein. Die Dame am Empfang erkannte sofort, dass hier nur die Mutter helfen konnte. Ich durfte warten, und das Nette bei Jopp in der Friedrichstraße ist, dass der Empfang im Geräteraum liegt. Als die Mutter vom Laufband angetrabt kam, durfte ich mich sogar mit einer Apfelschorle ins Café setzen, bis sich das Baby beruhigt hatte. Besonders wohl fühlte ich mich nicht. Dutzende Frauen starrten mich misstrauisch, wenn nicht sogar feindselig, an. Ich verstand, wie sich der erste Weiße bei einem Urwaldvolk am Amazonas fühlen musste. Nach fünf Minuten war ich wieder draußen. Erleichtert wie ein Pennäler nach seiner ersten Mutprobe. Das Problem bei Mutproben ist aber, dass man sofort den nächsten Kitzel braucht. Im Stillen plane ich bereits meinen nächsten Coup: Mit Whisky, Zigarren und drei männlichen Freunden. Mal schauen, ob man im Jopp auch einen guten Pokerabend schmeißen kann. Was für eine Mutprobe!

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