Was machen wir heute? : Nach Hause kommen

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Auf dem Gemälde über dem Tresen steht Tewje, der Milchmann, mit seinem Hut, gefalteten Händen, viel zu großer Jacke, barfuß in Schlabberhosen. „Das ist ein Heiliger aus unserer Heimat Anatolien“, sagt der Wirt, stellt eine Schale mit knackig-warmen Sesambroten auf den Tisch und erklärt, was der Name des kleinen, gemütlichen Restaurant-Cafés bedeutet: „Malete heißt so viel wie: bei uns zu Haus’.“ – Familie Celebi hat sich 1993 hier im Osten niedergelassen, kocht wie Anatoliens Mütter, sehr schmackhaft, scharf, mit viel Schafskäse, Liebe, Pepperoni und gesundem Naturkostverstand.

Wenn man in einem der Fenster sitzt und hinausblickt, dann denkt man: Was für ein Ort, diese Kreuzung Hannoversche-, Chaussee-, Tor- und Friedrichstraße. Groß-Berlin im Kleinen! Gegenüber stand mal das Oranienburger Tor, eins von 18 Stadttoren, die Friedrich Wilhelm I. 1735 mit der Akzisemauer um die Stadt legen ließ. Nur eine Abbildung vom Tor an einem von Narrenhänden beschmierten Giebel ist geblieben. Davor, mitten in der Stadt, wuchert eine wüste Grasfläche, ein Biotop mit weißem Holunder, so vergessen wie verdreckt. Straßenbahnen rattern vorüber. Wo sich einst auf einem Parkplatz Schlapphüte die Ohren abfroren, steht jetzt der Neubau vom Hans Wall, das Wall-Haus, daneben das Forschungsministerium im vergitterten Gebäude, das einst die Ständige Vertretung der Bundesrepublik in der DDR beherbergte. Aber das Haus, in dem wir gerade sitzen, ist auch nicht ohne: Hier wohnte, dichtete, lebte, liebte, sang, komponierte und provozierte Wolf Biermann, Tür an Tür mit den Stasi-Spähern. Schon glossig, dass des Barden Bleibe nach der Wende einem PDS-Genossen zufiel, der nun auch nicht mehr dort wohnt, weil das berühmte Eckhaus vom Eigentümer in zwei Jahren saniert wird. Danach soll es wieder etwas Gastronomisches geben. Ende Juli läuft der „Malete“-Mietvertrag aus. Schade. Denn es war immer ganz schön bei uns zu Haus’. Lothar Heinke

Malete, Chausseestr. 131, 10 bis 1 Uhr

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