Was machen wir heute? : Nach Stille schreien

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann - im Haus der Stille.

Till Hein

Akustisch hat der Hermannplatz-Kiez eine Menge zu bieten. Im Frühsommer zum Beispiel hielt ein Pärchen nachts den gesamten Häuserblock bei Laune. Mit stundenlangen Kopulationslauten. Mittlerweile sind die beiden heiser geworden oder weggezogen. Dafür kommen seit Wochen andere Klänge zur Geltung. Im Halbschlaf lausche ich schwerzungigen Gesprächen angeheiterter Nachbarn, die gegen zwei Uhr früh heimkehren. Nach und nach steigt der Schallpegel im Innenhof dann an, weil sie sich in die Haare geraten. Und wenn die Beleidigungen und das Türenschlagen langsam leiser werden und ich beinahe wieder eingedöst bin, kommt der große Auftritt meines Lieblingsnachbarn. Er reißt das Fenster auf und brüllt: „Ruhe!“ Spätestens jetzt ist an Schlaf nicht mehr zu denken, und ein authentischer neuer Neuköllner Morgen hat begonnen.

Unlängst war ich in einer völlig anderen Gegend zu Besuch, auch in einem Innenhof-Komplex. Die Hackeschen Höfe sind „Deutschlands größtes geschlossenes Hofareal“, so steht es auf der Website der Anlage. Vielleicht treiben sich dort deshalb so viele Leute herum? Sie sprechen Englisch, Japanisch, Spanisch, Schweizerdeutsch und fotografieren jeden Mülleimer. „Tja“, sagt mein Freund C., ein waschechter Intellektueller, „so wird Authentizität durch die Inszenierung von Authentizität abgelöst.“ Noch lange unterhielten wir uns darüber, wie schnell ein Ort seine Identität einbüßt und nur noch ein Schatten seiner selbst wird. Traurig.

Vielleicht wird Authentizität aber auch überschätzt, dachte ich später, wieder in Neukölln. Manchmal jedenfalls, wenn mein Lieblingsnachbar nachts zu seinem Schrei nach Stille ansetzt, wünsche ich mir insgeheim, dass sich die Authentizität der Lebensrealität in diesem Innenhof verflüchtige. Und etwas Neuem weiche. Es könnte ruhig auch ein bisschen künstlich oder steril sein. Nur leise, bitte. Ganz, ganz leise.

Leider zu spät entdeckt: Haus der Stille, Am Kleinen Wannsee 9, Telefon 80 5 3 0 64; www.haus-der-stille.de

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