Was machen wir heute? : Nach Utopia fragen

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Plümper

Ein seltsames Bild: „Der Tod des Hyazinth“ von Jean Broc. Ein weich gezeichneter, nackter Jüngling hält einen anderen nackten, sinkenden Knaben liebend umfangen. Auf der Erde neben Blumen ein merkwürdiges Ei. Ein rosa Tuch flattert dekorativ im Wind. Apollo hat Hyazinth aus Versehen mit dem Diskus (das „Ei“ am Boden) getötet. Aber was ist hier eigentlich utopisch, fragt der Künstlerfreund. Na, vielleicht war Homoerotik damals utopisch, mutmaßt der Rentner.

Bei den Nazarenern wundern sich Rentner und Künstlerfreund ebenfalls, was hier utopisch sein soll, denn beide verstehen den Begriff Utopie politisch. Die Nazarener? Den Freunden erscheinen die Nazarener malerisch und inhaltlich völlig rückwärts gewandt – Flucht vor der Wirklichkeit der beginnenden Verwandlung der Welt.

Und dann sind sie bei den Präraffaeliten (Ford Maddox Brown, Dante Gabriel Rosetti; auch ein hübsch bezogener Sessel von William Morris ist zu sehen). Ein Teppich nach Burne Jones zeigt zwei lobsingende, frauliche Engel. Der Künstlerfreund hält die geschürzten Oberlippen für sinnlich. Der Rentner behauptet jedoch, die Frauen der Präraffaeliten sähen eher ätherisch-entrückt, ja bekifft aus, was vom Laudanum, dem Opium, käme.

„Utopie“ meint in dieser überaus breit gefächerten und sehr interessanten Ausstellung ästhetische Utopie, den Zusammenschluss in Künstlerbünden, gerichtet gegen den Akademismus der Malschulen. Dies zeigen auch die Möbel und Bilder der De-Stijl-Bewegung, des Bauhauses, des russischen Konstruktivismus. All das ist zusammengetragen aus den verschiedensten öffentlichen und privaten Sammlungen der Welt. Allerdings erwähnt der Künstlerfreund, dass nach dem ersten Weltkrieg die Utopie eben kein ästhetisches Phänomen allein war, sondern die politische Umgestaltung der gesamten Gesellschaft meinte, bei Stalin zudem mit Gewalt. Plümper

Utopia matters, Deutsche Guggenheim, Unter den Linden 13 – 15, Ausstellung bis 11. April

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