Was machen wir heute? : Nackt anstehen

"Nutzung auf eigene Gefahr" heißt es im idyllischen Freibad Rahnsdorf am Müggelsee.

Lothar Heinke

Wir waren lange nicht am Fürstenwalder Damm 838; diese beachtliche Zahl einer Hausnummer ist die Adresse vom Freibad Rahnsdorf, höchst idyllisch gelegen am Ostufer des vom Sommerwind aufgepeitschten Müggelsees, einem Dorado für Segler und Surfer. Im Grün der Natur des Hinterlands versteckt sich die Endhaltestelle der Straßenbahnlinie 61, von dort geht es über den – Vorsicht! – sehr belebten Damm, und dann steht der Badebürger auch schon im Eingang zur Badeanstalt, die im Jahre 1912 eröffnet worden war.

Damals kontrollierten berittene Tugendwächter mit Pickelhauben die strengen Bekleidungsvorschriften: Bei den Damen hatte der Badeanzug Schulter und Leib zu bedecken und bis zum Knie zu gehen, bei den Herren sollten wenigstens die Oberschenkel umhüllt sein. Zu DDR-Zeiten lockerten sich hier die Badesitten so gewaltig, dass der rechte Teil des Areals von FKKlern total okkupiert wurde: Wie wir da so Bauch an Rücken an Bauch nach ’ner Molle mit Bockwurst anstanden, das hatte etwas sehr Ulkiges. Die Textilien lagen auf der Wiese, am Kiosk waren wir alle die wahre Menschengemeinschaft, der Professor und der Maurer, der Genosse und der Dissident. Die Nackten und die Roten, rot, weil sie sich nicht eingeschmiert hatten. Blühte am Müggelsee der Urkommunismus? Waren sie hier nicht alle gleich? Wie Adam und Eva, bevor die Sache mit dem Apfel passierte?

Hier hat sich nichts geändert. Links Textilstrand, rechts das nackte Leben. Für beide Abteilungen: Eintritt frei!!! Eigentlich unglaublich. Da die Bäderbetriebe nicht genug verdienten und den Laden schließen wollten, nahm der Bezirkssportbund Treptow-Köpenick die Sache in die Hand, engagierte 25 Ein-Euro-Jobber, die das „Sport- und Erholungsareal“ sauber und in Ordnung halten. Nur einen Bademeister können sie nicht bezahlen. Deshalb: „Nutzung auf eigene Gefahr“. Auch bei nacktem Anstand nach Brause, Bier und Bockwurst.Lothar Heinke

Rein ins Vergnügen von 9 bis 20 Uhr.

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