Kultur : Was machen wir heute?: Nackte angucken

Dorothee Nolte

Das Kind ist ein höflicher Mensch und begrüßt alle Leute mit einem fröhlichen "Hallo", auch wildfremde oder ganz unsympathische Zeitgenossen. Nur Flugzeuge redet es anders an, bei ihnen legt es den Kopf in den Nacken und schreit dreimal begeistert "Ja! Ja! Ja!"

"Hallo!" ruft das Kind auch, wenn es plötzlich hundert Nackte sieht. Das geschieht immer dann, wenn wir, nach einer kleinen Radtour durch Grunewald und seine Villenschlösser, auf den Teufelssee zusteuern. Dann öffnet sich auf einmal, mitten im Wald, der Blick auf die abschüssige Liegewiese und den kleinen See oder großen Tümpel. Beim letzten Mal hielt neben uns eine Gruppe spanischer Radfahrer an, bass erstaunt über den unerwarteten Anblick. Sie fühlten sich wie Entdecker und schwärmten vom "pequeño paraíso", dem kleinen Paradies, nicht ahnend, dass dieser See ausgerechnet nach dem Gegenspieler des Herrgotts benannt ist - und dass man im Hochsommer das Paradies vor lauter Nackten nicht mehr sieht. Egal! Die Saison hat gerade erst begonnen, und viele trauen sich noch nicht mal ins Wasser. Noch ist es am Teufelssee teuflisch schön.

Das Kind mit seiner paradiesischen Unbefangenheit findet hier ein reiches Feld für Beobachtungen und Kontaktaufnahmen. Es stellt sich vor knutschende Liebespaare und verfolgt die Erregungskurve, stolpert in nackte Grüppchen hinein - "auweia!", entschuldigt es sich dann, "hoppala!" - und stibitzt dem einen oder anderen, in die Lektüre vertieften Nackten den Sonnenhut. Gerne nimmt es auch fremde Wasserbälle in Gewahrsam, untersucht frei herumliegende Motorradhelme und bedient sich am Reiseproviant von Leuten, die gerade schwimmen.

Wir liegen derweil entspannt auf dem schütteren Rasen, den noch vor wenigen Wochen Wildschweine durchwühlten. Der Duft der Sonnencreme unserer Nachbarn steigt in die Nase, leise zwitschern Vögel und Handys, die Menschen lesen brav den Tagesspiegel oder lassen die Blicke schweifen, um anatomische Studien zu betreiben - denn um den menschlichen Körper in all seinen Spielarten kennen zu lernen, von strotzend kräftig bis krumm und schlapp, von kalkweiß bis kunterbunt tätowiert, von spillerig bis üppig, ist dies der ideale Ort.

Was die Nacktheit betrifft, zieht sich übrigens ein Riss durch die Kleinfamilie. Während der Kindsvater als eingefleischter Nackter schon auf dem Weg zum See die ersten Kleidungsstücke von sich wirft, gehöre ich zu den bleichen und verklemmten Moralisten, die auch am Teufelssee im züchtigen Badeanzug herumlaufen. Umso mehr freut es mich, dass das Kind meine strengen Wertvorstellungen teilt. Es besteht darauf, Windel, Hose und T-Shirt anzubehalten, Mütze sowieso, und richtig glücklich ist es erst, wenn es auch noch eine kleine grüne Sonnenbrille tragen darf. Auf diese Weise eingekleidet sitzen wir da und geben den Nackten ein gutes Vorbild. Nicht dass die sich davon beeindrucken ließen. Was soll man auch erwarten, am See des Beelzebub?

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