Was machen wir heute? : Nähe suchen

Anselm Neft

Ich kenne in Berlin mehr Leute als in allen anderen deutschen Städten und Dörfern zusammen. Wirklich enge Freunde und Freundinnen habe ich nicht. Vielleicht liegt es an mir, vielleicht liegt es an den anderen, wahrscheinlich aber ist: Es liegt an der Stadt. Natürlich werden nun sämtliche Immerschonberliner aufstöhnen: „So’n Quatsch. Wir haben enge Freunde. Dieser Kolumnist gehört halt zu den bindungsscheuen zugezogenen Selbstverwirklichern. Kein Wunder.“

Ich will gar nicht widersprechen, nur hinzufügen: Mein Berlin besteht nicht nur aus zugezogenen Selbstverwirklichern, sondern auch aus immer schon hier wohnenden oder in den späten Achtzigern aus der Niederlausitz eingefallenen Selbst- und Traum- und Geschäftsmodell- und Projektverwirklichern. „Parasitäres Gauklervolk auf Zeit“, wie der schwäbische Weddinger Jan Koch in seinem Lied „Wieso Berlin?“ singt. Dennoch bleibe ich bei meiner Behauptung: Es liegt an der Stadt.

Einmal natürlich, weil sie Touristen, Praktikanten, Vorübergehende, Selbstverwirklicher und Bindungsscheue anzieht wie keine andere deutsche Stadt. Es liegt aber auch an der Architektur: Die riesigen Prachtalleen, Stasiplatten, preußischen Prunkbauten, Konzernhochhäuser, baustellenumringten Großplätze wirken wie tiefe Gräben zwischen den Menschen. Ich werde es irgendwann von einer interdisziplinär arbeitenden Architekturprofessorin bestätigt bekommen: Schon die Bauweise Berlins ist in weiten Teilen nähephobisch. Viele Bürgersteige sind so breit, dass auch noch Radfahrer darauf herumsausen, ohne dass man ihnen in die Augen schauen kann. Nur in den U- und S-Bahnen kann es beizeiten kuschelig werden, aber meistens taucht dann jemand auf und spielt auf einer verstimmten Gitarre oder erklärt wortreich, was schon klar ist: Eine Straßenzeitung wird feilgeboten. Alle schauen auf den Boden. Spätestens dann ist es wieder vorbei mit der Nähe. Anselm Neft

Fußball, Freundschaft, faires Handeln gibt es wenigstens im Cyberspace unter: www.berliner-freunde.org

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