Was machen wir heute? : Nahe Natur erleben

Anselm Neft

Zwei junge Damen begehren zu baden. Die eine kommt gerade aus dem verregneten England und fantasiert seit Wochen von Sommer und kühlen Seen. Die andere ist ihre Freundin. Zu dritt brechen wir an einem Samstag im August auf, die Taschen gefüllt mit Handtüchern, Sonnencreme, frischem Obst und gekühlten Säften. Ein paar graue Wolken können die Vorfreude nicht trüben. Wir singen Lieder. Ich war noch nie am Müggelsee, preise ihn aber an wie jemand, der jedes Wochenende dort verbringt. Jemand, der weiß, was in Berlin im Sommer zu tun ist.

Wir steigen in Friedrichshagen aus, irren ein wenig herum, erreichen einen großen See und wissen nicht weiter, weil es sich nirgendwo liegen lässt. Ich lotse uns durch einen grotesk klammen Tunnel unter dem See hindurch, hinein in etwas, das Stadtkinder als „Wald“ bezeichnen: eine triste Ansammlung verkrüppelter Bäume neben asphaltierten Wegen, auf denen Geher, Läufer und Spinner mit Hunden auf und ab scharwenzeln, ohne dass es eine Art hätte. An den Ästen hängen Klopapierfetzen.

Wir entdecken eine kleine Badebucht, die aber nur aus Schlick und einem nackten Mann im Gebüsch besteht. Nicht weit davon gibt es ein Ausflugslokal mit schlecht gelaunten Kindern und überdrehten Kellnern. Alle zehn Meter liegt ein Betrunkener am Wegesrand. Ein paar Zelte lassen an kostengünstigen Urlaub denken, wie ihn der Finanzsenator Sarrazin empfehlen könnte. Ein Polizeiboot hält an einem Steg. Gelangweilte Beamte tragen eine Schnapsleiche an Bord.

Schließlich erreichen wir eine Art Wiese. Hunderte von Kiefernzapfen verwandeln sie in eine großangelegte Sohlenmassage. Halbnackte Holländer lungern um eine gestaltete Mitte aus Bierdosen und rauchen sich die Gegend schön. Die ersten Regentropfen fallen. „Herrlich“, sage ich und zeige auf die mattgrünen Wasser vor uns. Eine tote Ente treibt vorbei. Irgendwo weint ein Kind. Anselm Neft

Warum in die Natur, wenn es sich der Mensch doch schön eingerichtet hat: www.arena-berlin.de/badeschiff.aspx

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