Was machen wir heute? : Natürlich feiern, aber wie?

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Ist schon ein seltsamer Zufall, dass ausgerechnet der Rentner am letzten Tag des Jahres mit dieser Kolumne an der Reihe ist. Was machen wir heute? Na, was schon. Feiern natürlich. Doch da geht das Dilemma schon los. Krachend oder leise? In sich versunken und so der starken Momente gedenkend, die Zwanzigzehn für jeden hatte – oder laut und vernehmlich, mit dem Zünden von Böllern und Raketen, die aus dem eisigen Schnee vorm Haus hoch zu den Sternen steigen, von Wünschen beladen und von Träumen begleitet?

Andere fühlen sich inmitten einer tosenden, bratwurstverrückten und glühweinseligen Menge Gleichgesinnter wohl, die auf vielerlei Umwegen auf die Festmeile gelangt sind, um ein für manche alle Jahre wieder unbegreifliches Phänomen zu zelebrieren: Die Sucht nach dem Nicht-allein-Sein, die Wärme der Gemeinschaft in bitterer Kälte, das kollektive Hochschaukeln einer von Diskjockeys dirigierten Partystimmung am Tor. Vielleicht spürt der Rentner, wie er so mit seinem Glas Wein in der Hand vor dem Fernseher hockt, um Europas größte Feierei zu bewundern, dass er mit dem zu Ende gehenden Jahr stetig und unabwendbar gealtert ist und dass diese Fanmeile verrückter Glückseligkeit etwas für die Jungen ist, für die nächste Generation.

Früher, als es die Sause am Brandenburger Tor noch nicht gab, fand das Jahresende nur im Saale, in Hotellobbys, Restaurants oder in den Wohnungen von Freunden statt. Jeder kann sich an besondere Silvester erinnern: Wie da kurz vor zwölf plötzlich das Gastgeber-Ehepaar in einen fürchterlichen Streit geriet und alle erfuhren, dass diese Ehe das neue Jahr nicht überdauern würde. Oder wie der Tannenbaum kurz vor zwölf brannte und alle ihren Sekt in die Flamme kippten. Ach, früher. Da gab es noch diese Zeilen vom Maschinensetzer, zum Bleigießen und Zukunftsdeuten. Heute tut’s eine sms: happy n.y. alles wird gut. Oder noch besser. Lothar Heinke

– Wer es besinnlich mag: Beethovens „Eroica“ und mehr mit Concerto Brandenburg gibt es um 15.30 und 20 Uhr in der Gedächtniskirche, Eintritt 25 Euro.

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