Was machen wir heute? : Naturkunde betreiben

Wie ein Vaterdie Stadt erleben kann

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Es hat da bis vor kurzem einen schwarzen Fleck gegeben, was meine Rolle als bildungsbürgerlicher Vorbildvater betrifft. Ich war noch nie im Naturkundemuseum. Meine Frau, Biologielehrerin, hält das übrigens für einen Tatbestand, der völlig zu Unrecht nicht im Scheidungsrecht verankert ist. Was wiederum meine drei Jungs sehr lustig finden. Sie sind seit frühester Kindheit Stammgäste im Naturkundemuseum.

Es kommt ein verregneter Sonntag und mit ihm meine Chance, diesen Makel zu tilgen. In der Zeitung lese ich, dass der U-Bahnhof Zinnowitzer Straße jetzt den Namen des Museums trägt, was ich am Frühstückstisch zu einer längeren Abhandlung über die einstige West-Berliner Geisterbahnhoflinie durch den Osten nutze. Wir fahren also mit der U-Bahn ins Naturkundemuseum, und die Jungs überbieten sich mit ihren Schilderungen über den riesigen Dinosaurier in der Eingangshalle. Meine Geisterbahnhofgeschichten kommen an diesem Tag nicht so richtig an.

Ich muss widerwillig zugeben, dass der Brachiosaurus brancai größer und eindrucksvoller ist, als ich ihn mir vorstellen wollte. Forscher haben ihn vor 130 Jahren gefunden, in Tansania, das damals noch Deutsch-Ostafrika hieß. Sozusagen ein positiver Nebenaspekt der Kolonialgeschichte.

Aufgeregt zerrt mich der Kleine am Arm, er will mir den Archaeopteryx zeigen. Meinen fragenden Blick quittiert er nicht minder irritiert. Es gibt doch tatsächlich Menschen in dieser Stadt, die nicht wissen, dass Berlin das schönste Fossil des Urvogels besitzt, geschätzt 150 Millionen Jahre alt. Mit einiger Mühe erkenne ich in dem Schaukasten steinerne Konturen von Schnabel, Flügeln und Hals. Der Finder hat den Archaeopteryx Mitte des 19. Jahrhunderts gegen eine Kuh eingetauscht. Ich hätte ihn wahrscheinlich mit dem Fuß aus dem Weg geschoben.

Wenn ich das der Frau erzähle, lässt sie sich vielleicht wirklich scheiden. Sven Goldmann

Das Naturkundemuseum erreicht man am besten über den gleichnamigen U-Bahnhof, er liegt auf der Linie 6 zwischen Oranienburger Tor und Schwartzkopffstraße.

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