Was machen wir heute? : Nein sagen

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann: Indem er fremden Menschen Geld für den Omnibus gibt.

David Ensikat

BerlinEin erster Frühlingstag, die Sonne scheint, ich sitze auf einer Bank und lese. Ein älterer Herr mit Rucksack und tschechischem Akzent fragt nach dem Weg. Wie er zum zentralen Busbahnhof komme, zu Fuß. Der zentrale Busbahnhof, muss ich ihm sagen, hat in Berlin eine außerordentlich dezentrale Lage, da muss er weit laufen. Das mache nichts, er habe kein Geld für eine Fahrkarte, also welche Richtung bitte. Ich drücke dem Herrn zwei Euro zehn für die U-Bahn in die Hand, so kann ich ihm den Weg auch leichter erklären.

Der Mann setzt sich zu mir, bittet mich, meine Adresse aufzuschreiben, damit er von Zuhause einen Dankesbrief schreiben kann. Die Sache sei die: Er fuhr mit dem ICE von München nach Hannover und wollte von dort mit einem Freund in dessen Auto heim nach Tschechien fahren. Vor Hannover sei er eingeschlafen, so kam er nach Berlin, wo er überhaupt nicht hinwollte. Wie jetzt nach Hause? Er hoffe, dass der Busfahrer am zentralen Busbahnhof ihn für sein Restgeld, 30 Euro, mitnehme. Eigentlich koste der Bus 54 Euro. Na, sie werden schon Gnade haben mit einem alten Tschechen, sagt der alte Tscheche. Wenn er doch in Berlin jemanden kennen würde … Wenn er sich hier irgendwo die restlichen 25 Euro leihen könnte …

Ich schlage vor, dass wir zum Geldautomaten gehen und ich 25 Euro für ihn abhebe. Er ist ganz außer sich: „Oh, Herr David, sie sind so gut!“ Er sagt immerzu „Herr David“. Er ist 30 Jahre älter als ich.

Bevor ich das Geld abhebe, fragt er, ob es auch 35 Euro sein könnten, für einen zusätzlichen Kaffee oder so. Ich gebe ihm 40 Euro, weil der Automat keinen Fünf-Euro-Schein hergibt.

Der Herr zählt sein Geld durch, jetzt hat er 70 Euro. Für 85 könnte er mit dem Zug fahren. Dann wäre er nicht erst morgen zu Hause sondern heute. 15 Euro fehlen noch. „Herr David …“, sagt er, „Nein“, sage ich, „tut mir leid.“ Er hat Verständnis: „No, Herr David, Sie missen fir Essen ibrig haben.“

Zentraler Omnibusbahnhof am Funkturm (ZOB) Masurenallee 4-6, Telefon: 301 038-0

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