Was machen wir heute? : Neue Krankheiten entdecken

Ingo Wolff

Was Krankheiten angeht, gibt es ja dreierlei Sorten. Die echten, die eingebildeten und jene, deren echte Symptome kein Arzt mit einem konkreten Fall verbinden kann. Ich fühle mich zum Beispiel seit einigen Wochen morgens immer ein bissel schlapp. Aber kein Arzt findet die Ursache. Also sitze ich jeden Tag am Frühstückstisch und rede mir ein, ich hätte ja nichts und wäre nur zum Spaß k.o.

So sitze ich auch neulich mit Leonie und Sonja zusammen und stütze meinen müden Kopf – nichts habend – auf meine Ellenbogen. „Duhuu, Sonja, bist du eigentlich gegen irgendetwas allergisch?“, fragt Leonie ohne erkennbaren Grund in die Stille hinein. „Gegen Blüten und gegen Katzen.“ – „Oh“, sagt die Sechsjährige, gerade über letzteres erstaunt, bezeichnet sie diese doch als ihre Lieblingshaustiere. „Und der Papa ist gegen den Westen allergisch.“ Mit einem Mal bin ich hellwach – weil mein Kopf vor Schreck fast auf die Tischplatte geknallt wäre. Ich!, gegen den Westen allergisch. Na klar, das war es. Deshalb bin ich auch seit Jahren so müde. Als altem Westberliner ist mir das natürlich nie aufgefallen, die Überdosis Westen jeden Tag hat mich quasi immunisiert. Und jetzt, wo ich fast ein Jahrzehnt im ehemaligen Ostteil wohne und nur noch zum Arbeiten und Ausgehen im alten anderen Stadtteil bin, bildet mein Körper zu viele Antikörper gegen den Westen. Was wohl wäre, wenn ich den Osten wieder verlasse und zum Beispiel in den Norden oder Süden ziehe? Bin ich dann gegen Ost und West, also megaallergisch?

Bei aller Freude über die Hilfe meiner Tochter hat mich eines an Leonies These schon stutzig gemacht. Woher hat sie das? Mit ost-, westdeutschen und österreichischem Einfluss wächst das Kind ja vorurteilsfrei multikultideutsch auf. Ohne Grenze im Kopf. Aber vielleicht hat die Generation Mauerlos ja erst den Blick frei für die wahren Symptome ihrer teilungskranken Berliner Eltern. Ingo Wolff

„Deutsche Geschichte rückwärts“ ist eine schöne Ausstellung über die Teilung für Kinder im Deutschen Historischen Museum, Unter den Linden 2 (tgl. 10 - 18 Uhr).

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