Was machen wir heute? : Nichts

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Anselm Neft

Was machen wir heute? Silvester stellt sich diese Frage mit selten erreichter Wucht. Dank Winter, Weihnachtsschmaus und Stubendunst in mentale Duldungsstarre versetzt, will man nun plötzlich unter unzähligen Möglichkeiten die perfekte wählen.

Wen das Angebot Berlins schon an anderen Tagen überfordert, der wird zum Jahreswechsel erst recht an den Rand des Nervenzusammenbruchs gebracht: Bleigießen in Wilmersdorf? Dinner for One in Dahlem? Raclette-Essen in Prenzlauer Berg? Mit Stahlhelm und einem Rucksack voller Böller durch Neukölln? Im Grunewalder Einfamilienhaus rätseln, welchen Schmäh der Dirigent beim Neujahrskonzert in der Philharmonie einbaut? Bowlen in der Bowl-Arena Spandau? Was verpasst man, wenn man die 16 Dancefloors in der Kulturbrauerei links liegen lässt? Was kostet noch mal das Galadinner im Adlon? Oder doch lieber Sternburg-Verkostung unter freiem Himmel? Oder: Kabarettistischer Jahresrückblick im Mehringhof-Theater. Heavy-Metal-Sause im Rockcafé „Halford“ mit „köstlichem Mitternachtssnack“. Antifaschistisches Veganer-Buffet im besetzten Haus in Friedrichshain und „Prosit Neujahr“ beim gut geschüttelten Molotow-Cocktail. Morbider Massenspaß am Brandenburger Tor. Nervenzersetzendes „Woandershin-Walking“ in Kreuzberg. Grillen und Chillen auf dem Wagenplatz Wuhlheide. Paintballparty in Niederschönhausen. Privatparty in Pankow. „Let’s Play“-Sportlerparty am Alex. Party auf dem Piratenschiff. Motto-Party in Mitte. Fiesta Cubana. Spree on Fire. Potsdamer Pauken. Treptower Trompeten. Weinen im Wedding. Böllern in Bernau. An die Ostsee. Selbstmord.

Wenn ich es schaffe zu sagen: „Ich hab nichts vor“ und später durch die Nacht zu schlendern, vielleicht allein, vielleicht an der Seite eines lieben Menschen, dann dürfte ich auch 2010 in Berlin überstehen, ohne den Verstand zu verlieren. Anselm Neft

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