Was machen wir heute? : Nickis tragen

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Als ich in den Kindergarten ging, wurden morgens mitunter nackte Kinder abgeliefert. Es waren die 80er Jahre, wir lebten in West-Berlin, und es galt: besser erkältet als unterdrückt. Zwang passte nicht ins Erziehungskonzept. Ich selbst war nie unter den Nackten, vielleicht war ich nicht rebellisch, vielleicht liebte ich meine Nickipullis zu sehr, als dass ich eine Gelegenheit verpasst hätte, sie zu tragen. Neulich habe ich dieses Relikt westdeutscher Kindheit in Joachim Piankas Laden „fein und ripp“ wiederentdeckt.

29 Jahre hatte Pianka ein Reisebüro und liebte seine Arbeit. Zum Arzt gehen Menschen, die eine Krankheit haben, aufs Amt meist die, die eine Beschwerde haben, im Reisebüro dagegen sind Leute, die gute Laune haben. Doch als die Menschen Reisen zunehmend im Internet buchten, begann Pianka sich wie ein Berufsfossil zu fühlen, ähnlich dem Polsterer in Zeiten von Ikea, und er erfand sich neu. Als er hörte, dass die Bestände einer Textilfirma auf der Schwäbischen Alb zum Verkauf stünden, griff er zu und kaufte die Katze im Sack, oder besser: bundesdeutsche Textilgeschichte im Karton. Die Böden auf der Alb hätten mehr Steine als Kartoffeln, hieß es früher, bestimmt hatten sie auch mehr Nähmaschinen. Mit Unternehmen wie Boss wurde die Gegend zur Textilhochburg. Doch dann wurden Fertigungsstätten nach Asien verlagert, und die Firma, von der Pianka kaufte, stellte 1981 die Produktion von Fertigwaren ganz ein.

Um den Bestand der Firma nach Berlin zu bringen, brauchte er acht Monate. 40 Tonnen waren es, darunter Knopfleistenhemden aus den 20er Jahren, Polohemden aus den 50er Jahren, Nickipullis aus den 70er Jahren. Ähnlich nostalgisch wie das Sortiment ist auch die Unternehmensform: Joachim Pianka führt den Laden mit seinen zwei Söhnen, und inzwischen trägt selbst die 13-jährige Tochter Nickis. Verena Friederike Hasel

Die West-Berliner Kindheit findet man im Ostteil der Stadt wieder: „fein und ripp“ ist in der Kastanienallee 91–92, Prenzlauer Berg.

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