Was machen wir heute? : Öfter Nein sagen

Till Hein

Neulich war ich auf einem Feldenkrais-Seminar. Wir lagen auf dem Rücken, und regten unsere Glieder. Langsam wie die Schnecken. In alle Richtungen. „Bewussheit durch Bewegung“, lautete das Motto. Moshe Feldenkrais behauptet, vereinfacht ausgedrückt, dass die Menschen nicht Probleme haben, weil das Leben so kompliziert ist, sondern weil ihre Bewegungsmuster zu starr sind. Wer lerne, sich entspannt und frei zu bewegen, löse andere Probleme wie nebenbei.

Es war verblüffend, wie weit ich meinen Hals bereits nach wenigen Stunden einrollen konnte. Wie die Schlangenfrau vom Chinesischen Nationalzirkus. Am nächsten Morgen fühlte ich mich, als trüge ich eine Halskrause aus Beton. Als ich zu nicken versuchte, durchfuhr mich ein stechender Schmerz. Warscheinlich sollte ich öfter Nein sagen.

Nichts gegen Moshe Feldenkrais. Ich glaube bei seinen Übungen hat sich noch nie jemand verletzt. Aber wir Basler sind besonders zarte Wesen. Ich bin daher froh, dass Berlin über ein so vielfältiges Gesundheitswesen verfügt. P. war neulich bei einem Geistheiler. Der weise alte Mann, ein „Iris-Diagnostiker“, habe ihr nur kurz in die Augen geblickt. Und dann? „Na ja, dann hat er mich weiter geschickt.“ Zu einer Kollegin aus Asien, die eine spezielle „Energie-Massage“ anbietet. „Das Beste, was ich in den letzten Jahren erlebt habe!“, schwärmte P.

Sie entblößte ihre linke Schulter und violett-blaue Flecken kamen zum Vorschein. Die Massage sei in der Tat „relativ hart“ gewesen, erzählte P. Aber seither knirsche sie nachts nicht mehr mit den Zähnen. „Toll“, sagte ich, und P. holte uns neue Biere.

Hoffentlich wird die Masseurin ihr beim nächsten Mal zur Behandlung einer Sehnenscheidenentzündung nicht die Arme ausreißen, dachte ich. Manchmal glaube ich, Deutschland ist einfach no country for old men aus Basel. Till Hein

„No Country for Old Men“ (echt brutal!) läuft täglich um 20.30 Uhr im Rollberg Kino in Neukölln, Rollbergstr. 70.

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