Was machen wir heute? : Osteuropäisch essen

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

Jochen Schmidt

Der S-Bahnhof Ostkreuz wird gerade Stück für Stück abgerissen und durch eine gesichtslose Stahl-Glas-Konstruktion ersetzt. Die Gegend vom Friedrichshain, in die man hier gelangt, sieht aber stellenweise noch so aus, wie früher der Prenzlauer Berg, und neuerdings bündelt Osteuropa hier seine gastronomischen Kräfte bei „Matroshka“, dem osteuropäischen Schnellrestaurant.

Öffentliche Kantinen haben ja bei uns nicht so einen guten Ruf, aber in Polen ist eine „Milchbar“ keine Milchbar, sondern eine Art Schnellrestaurant mit äußerst billigem und schmackhaftem Essen. Und in russischen Stolowajas kann man hier und da sogar noch das alte Alubesteck bewundern, das wir bei unserer Schulspeisung immer so sorgfältig verbogen haben, und das man lieber nicht an seine Plomben kommen ließ. Die russischen Küchenfrauen haben eine sehr mütterliche Ausstrahlung und wenn man auf zwei Vor- und eine Hauptspeise gezeigt hat, fragen sie: „Und keinen Fisch?“ Am Ende tun sie einem auf alles noch einen Löffel Sahne.

Bei Matroshka gibt es gefüllte Paprika wie auf dem Balkan, Kohlroulade wie in Russland, Königsberger Klopse ohne Kapern, Gulasch wie in Ungarn, Pelmeni und Wareniki. Sauerampfersuppe, wie sie unser Vater gemacht hat, um uns zu zeigen, wovon man nach dem Krieg gelebt hat. Der unaussprechliche Borschtsch und seine Schwester Soljanka, die Langzeitüberlebende der ostdeutschen Speisekarte. Und ganz exotisch: Spätzlesuppe Kosakenart. Eine inspirierende Vorstellung, wie das Schwabenland von einer Horde Kosaken heimgesucht wird, zu beiderseitigem Vorteil. Ein Menu gibt es ab 4,90 Euro, und täglich zur Happy Hour ist alles erstaunlicherweise noch billiger. Der Laden ist sauber und hell, und man muss nicht lange nach der Kellnerin winken und sich beim Bezahlen arrogant behandeln lassen, wie in den Szenekneipen der Gegend. Jochen Schmidt



Matroshka, Boxhagener Straße 60, geöffnet täglich von 11 bis 22 Uhr.

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