Kultur : Was machen wir heute?: Pappshow gucken

Susanne Kippenberger

Manchmal muss man nach Hamburg fahren, um Berlin zu entdecken. Hamburg ist nämlich eine Stadt, die nicht nur einen schönen Bahnhof hat, sondern gleich daneben ein noch schöneres Museum, für Kunst und Gewerbe. Eine richtige Wunderkammer ist das, voll von Tradition und Gegenwart: Russische Avantgarde der 20er und Teekessel der letzten 100 Jahre, junge Fotografen und antike Figuren, deftige Salate und zeitgenössisches Design. Die Hamburger begnügen sich nicht damit, zu sammeln und zu bewahren - sie öffnen sich Künstlern und Publikum. So dürfen Kunsthandwerker aus Norddeutschland einmal im Jahr dort zeigen und verkaufen, was sie können.

Beim letzten Mal war ein Stand mit besonders originellen Objekten zu entdecken: mit Bikinis aus spitzer Pappe, Stöckelschuhen aus Papier, Bilderrahmen wie Collagen, märchenhaften Griffeldosen. Und, was sagt die Visitenkarte: Julia Büttelmann, Schöneberg. Die 39-Jährige ist zwar in Bremen geboren, lebt aber schon lange in Berlin. Hier hat sie ihre Buchbinderlehre gemacht und in der Druckwerkstatt gearbeitet, hat Preise gewonnen, Ausstellungen gemacht und ihre Werkstatt eröffnet: im Himmel über Berlin. Allein der herrliche Dachgarten der alten Kartonagefabrik in der Crellestraße, noch kurz vor der Wende saniert, ist eine Anreise wert, da kann man mal gucken, was es in West-Berlin einst an Gewerbeförderungskultur gab. Kein Wunder, dass auf Büttelmanns Fotoschachteln Engel verträumt in die Wolken gucken und rotbestrumpfte Damenbeine zwischen Kaminen fliegen.

Julia Büttelmann kleistert mit Papier. Bei der Buchbinderin ist fast alles aus Pappe, aus Graupappe, die ist besonders fest und zäh, die wird bemalt und beklebt. Büttelmann nimmt was sie findet, Hauptsache alt und eigenwillig bunt - Fotos, Illustrationen, Postkarten, Oblaten - und verfremdet es zu neuen Collagen. Richtige Pappshows, die manchmal sogar witzige Peepshows sind, inszeniert sie mit Schmetterlingen und Schweinchen, Torten und nackten Damen. Sie baut Taschen, Dosen und Kommoden, Objekte, die etwas können, was kaum noch ein Mensch heute kann: Geheimnisse bewahren. Und die drinnen so schön sind wie draußen.

Noch verkauft Julia Büttelmann ihre surrealistischen Objekte direkt aus der Werkstatt heraus. Aber vielleicht gelangen sie ja eines Tages doch noch in das Berliner Kunstgewerbemuseum am Kulturforum. Das wirkt bisher wie eine hässliche alte Truhe, die ihre Schätze fest verschlossen hält. Was nicht allein an der Architektur liegt, so deprimierend die ist: Aber Künstler und Besucher wurden hier bisher als Störenfriede missachtet. Die spröde (Selbst-)Darstellung liegt auch nicht allein am mangelnden Geld. Das Hamburger Haus hat sich durch seine lebendige Museumspolitik so viele Freunde gemacht, dass diese nicht nur ehrenamtlich mitarbeiten, sondern gleich einen ganzen Anbau spendieren. Also hoffen wir: auf die neue Berliner Museumsdirektorin.

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