Was machen wir heute? : Parallelwelten aufbauen

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Wir leben zurzeit in zwei Parallelwelten. Die eine ist ländlich und schwedisch und kennt weder Fernsehen noch Telefon: In sie tauchen wir ein, wenn die abendliche Astrid-Lindgren-Vorlesestunde beginnt. Die Kinder lieben diese Welt, die mit ihrer eigenen so gut wie nichts gemein hat. Die zweite Parallelwelt lieben sie auch. Sie heißt Facebook.

Vor etwa drei Wochen fing es an. „Ich will mich auf Facebook anmelden“, drängelte Timmy, 11, und schwupp, war er drin. Innerhalb von zwei Tagen hatte er mit einem Dutzend Klassenkameraden aus seiner alten Schule Kontakt aufgenommen, nach zwei Wochen hatte er 70 „Freunde“. Zwei Drittel von ihnen kennt er, aber es sind auch Fremde dabei wie eine junge Chilenin („sie schreibt mir auf Englisch“). Vorgestern gestand er, dass er für den kleinen Bruder ein Facebook-Account angelegt hat: Der ist acht, in der Parallelwelt aber 14, denn offiziell darf man erst ab 13 rein.

Gleich beim ersten Besuch auf der Seite eines Freundes wurden wir Zeugen, wie der Arme beleidigt wurde: „Du Schwuchtel, du heulst immer gleich los“ usw. Seitdem warne ich die Kinder vor Cybermobbing, finde aber wenig Verständnis. „Warum hast du Angst davor?“, fragte Lukas. „Ich möchte dich vor allem Bösen auf der Welt beschützen!“, sagte ich pathetisch und dachte an Schweden. „Nicht nötig“, meinte Lukas. „Wenn jemand was Blödes über mich schreibt, das interessiert mich nicht. Das stört keinen großen Geist!“ (O-Ton Karlsson auf dem Dach).

„Ich habe eine neue Freundin!“, sagte Timmy kürzlich strahlend, „Petra Schneider!“ Die Genannte ist die Mutter eines Schulfreunds. Wenn das so ist, dachte ich, stelle ich mich gleich mit drei Profilen ins Netz: als junge Bulgarin chatte ich mit meinen Kindern, als ihre Mutter freunde ich mich mit ihren Klassenkameraden an, als älterer Engländer übe ich mit ihnen Englisch. Auf diese Weise können Eltern problemlos mit ihren Kindern Kontakt halten. Dank Facebook werden wir eine heile Familie sein, fast wie in Bullerbü. Dorothee Nolte

Astrid Lindgren: im Buchhandel. Facebook: überall.

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