Kultur : Was machen wir heute?: Paviane einfangen

Dorothee Nolte

Das Kind entwickelt sich zum Schrecken des Berliner Einzelhandels und der Ärzteschaft. Es zerstört die Auslagen und vertreibt die Patienten und lässt sich von seinem schädlichen Tun auch nicht abhalten. Versucht man es dennoch, färbt es sich lila, lässt Wasserfälle aus seinen Augen schießen und brüllt wie eine Horde Paviane. Die Psychologen nennen das Trotzphase. Mir ist es peinlich.

Das Kind also will seinen Willen durchsetzen, was ich ja prinzipiell verstehen kann, aber nicht beim Arzt. Kürzlich zum Beispiel waren wir bei der Augenärztin. Da saßen sieben Wartende, friedlich vereint mit ihren Leiden, und studierten die bunten Blätter. Das Kind entdeckte neben der Tür einen großen blauen Wasserspender und begann, nachdem ich ihm unvorsichtigerweise den Mechanismus erläutert hatte, einen 0,2-Liter-Becher nach dem anderen abzufüllen. Gutmütig wie ich bin, trank ich zehn Becher aus, bis mein Bauch gluckerte und schwappte wie ein Schwimmbecken in der Hochsaison. "Das ist doch kein Spielzeug!", meinte eine Dame säuerlich. Eine andere monierte, es sei unhygienisch, wie das Kind ungebrauchte Becher auf dem Boden gruppierte, um sie dann wieder aufzustecken. "Wer soll denn das noch in den Mund nehmen?"

Sie hatten ja so Recht! Es ist aber eine der Voraussetzungen für ein entspanntes Mutter-Dasein, sich nicht um die Blicke und Bemerkungen anderer Leute zu scheren, sondern unbeirrt dem eigenen pädagogischen Instinkt zu folgen. Mein pädagogischer Instinkt sagte mir, dass es besser sei, den Wasserspender zweckzuentfremden, als das Wartezimmer in ein Tollhaus zu verwandeln. Die Geschichte hat mir Recht gegeben. Als ich das Kind, um ins Untersuchungszimmer zu gehen, wegreißen musste, ließ es die Paviane los, die hysterisch in der Praxis herumhüpften und so lautstark protestierten, als hätten wir es nicht mit Augen-, sondern mit Gehörgeschädigten zu tun. Pech für die unhygienische Dame! Einer biss ihr ins Ohr.

Manche Ladenbesitzer und Ärzte ahnen ja schon, dass das Kind kommen könnte, und stellen in einer dunklen Ecke allerhand Spielzeug bereit. Das ist ein ebenso rührender wie zweckloser Versuch der Selbstverteidigung, denn als Konsument der Zukunft interessiert sich das Kind ausschließlich für das Ladensortiment. Bei der Optikerin probierte es erst die Brillen aus, griff sich dann ein paar Murmeln aus der Schaufenster-Dekoration und benutzte den Handspiegel wie einen Tischtennisschläger, um sie durch den Raum zu katapultieren. Im Möbelgeschäft zeigte es den Ausstellungsstücken, welch hübsche Flecken Straßenschuhe hinterlassen, und im Café, wo ich mich anschließend ausruhen wollte, stellte es dem Kellner ein Bein. Peng, klirr, schepper! Was tun?, fragte ich meinen pädagogischen Instinkt. Aber der hockte schon mit den Pavianen auf dem Boden und aß Sahnetorte.

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