Was machen wir heute? : Pfauen suchen, Luise finden

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Als ich jünger war, stand auf meiner Bibel „Jesus lebt!“, und ich war stolz darauf. Nicht alle meine Kumpels fanden das cool. „Marx ist tot, Lenin ist tot – und mir ist auch schon ganz schlecht!“, war bei denen das Motto. Ich machte mir Sorgen, wie ich nach dem Jüngsten Gericht das ewige Leben genießen sollte – ohne sie.

Irgendwann in den achtziger Jahren beschloss ich, so heikle Fragen zu verdrängen. Und erst neulich, auf der Pfaueninsel, wurde ich wieder mit der Unsterblichkeit konfrontiert. „Luise lebt!“, wird dort behauptet. Gemeint ist Königin Luise von Preußen, die offiziell vor 200 Jahren gestorben ist.

Eigentlich war ich ja wegen der Pfauen gekommen. Aber umso besser, dachte ich und pirschte los. An einem Vogelhaus sah ich ein Schild: „Die Stiftung Preußischer Schlösser präsentiert anlässlich der Restaurierung der fantastischen Voliere eine nicht minder fantastische Ausstellung.“ Sie werde die Besucher „bestimmt genauso in Erstaunen versetzen, wie es jene einzigartigen Vögel taten, die einst diese Käfige bewohnten“. Die Pfauen sind also weg, dachte ich. Mist. Dafür fand ich erste Hinweise auf Königin Luise: Ein Flyer feiert sie als „It-Girl“. Typisch Berlin, dachte ich. In Wien würde sich niemand trauen, Sissi als eine Vorläuferin von Paris Hilton zu beschreiben. „Kann nichts, tut nichts – ist berühmt“, so eine gängige „It-Girl“- Definition. Wunderbar, diese Berliner Respektlosigkeit!

Königin Luise hatte häufig Sehnsucht nach dem Landleben, las ich auf einer Ausstellungstafel. Allerdings weniger nach knochenharter Maloche auf dem Feld als nach Gartenidyll. Genau wie ich, dachte ich. Zumindest diese Passion Luises scheint die Jahrhunderte überdauert zu haben.

Und bei der Anlegestelle der Fähre sah ich schließlich doch noch Pfauen, 13 Stück! Wer weiß: Vielleicht leben ja auch Luise und Jesus noch. Till Hein

Die Luise-Ausstellung auf der Pfaueninsel ist noch bis Sonntag, 31. 10. täglich von 10–17 Uhr zu sehen (ab Bahnhof Wannsee mit dem Bus 218 bis Pfaueninsel, dann mit der Fähre).

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