Was machen wir heute? : Pflaster glätten

Jochen Schmidt

Seit einer Weile komme ich von jedem Spaziergang durch mein Viertel trauriger zurück, weil wieder etwas verschwunden ist oder demnächst zugebaut werden soll. Sie geben sich erst zufrieden, wenn Berlin logistisch so makellos ist wie eine Ikea-Filiale, mit dem ästhetischen Reiz eines Vergnügungsparks. Das nächste Opfer wird die Kastanienallee sein, die Straße, in der ich 1989 meine erste eigene Wohnung hatte, ein Zimmer, Küche, Außenklo und Blick auf eine Brandmauer. Gerade habe ich gelesen, dass die Kastanienallee ab 2010 umgebaut wird: „Die holperigen Gehwege verschwinden zugunsten glatten Pflasters“, heißt es, und „die Tramhaltestellen bekommen extra Bahnsteige“.

Haben die „holperigen“ Gehwege jemanden gestört? Etwa die vielen Alten, die dort längst nicht mehr leben, weil die Mieten zu hoch sind? Saniert man vorausschauend für die Zeit, wenn die jugendlichen Bewohner des Prenzlauer Bergs nicht mehr gut zu Fuß sein werden? Die Gehwegplatten aus Granit gehören für mich zur Signatur der Stadt, seit ich laufen kann, habe ich sie unter mir beobachtet. Auf der Schönhauser Allee sind sie schon weg, bald also auch in der Katanienallee. Und die Tramhaltestellen? Für mich immer noch Straßenbahn! Es wird Fahrradwege geben und „Gehweg-Nasen“. Danach wird die Kastanienallee den Charme eines Verkehrsleitpfads haben.

Manchmal wünscht man sich, dieses Land würde wirtschaftlich so schlecht dastehen, wie es immer behauptet wird, das würde vielleicht vor diesem Normierungswahn schützen.

Das Geld für den Umbau der Straße wird übrigens vom Denkmalschutz kommen. Daher gibt es Hoffnung: Das Stadtbad in der Oderberger Straße sollte auch mit Denkmalschutzgeld saniert werden. Jetzt aber nicht mehr, die Zusage wurde zurückgenommen. So könnte es ja auch der Kastanienallee gehen, wenn man feststellt, wie teuer „Gehweg-Nasen“ und „extra Bahnsteige“ sind. Jochen Schmidt

Stolpern sie nochmal über das alte Pflaster der Kastanienallee, bevor die Skater kommen.

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