Was machen wir heute? : Philosophieren

Anselm Neft



Wo findet man in Deutschland eine Stadt, die so von Philosophie durchtränkt ist wie Berlin? Taxifahrer raten ihren Fahrgästen, einmal einen Blick in Platons „Politeia“ zu werfen, Kellnerinnen zitieren beim Servieren die schönsten Aphorismen Schopenhauers, Bürgermeister stellen in ihrem Lebensentwurf Epikur vom Kopf auf die Füße, an Currywurstbuden diskutieren Strukturalisten mit Dekonstruktivisten unstrukturiert aber konstruktiv bis zum Hahnenschrei. Doch es fällt auf, dass bestimmte Philosophien in bestimmten Stadtteilen vorherrschen. In Mitte trifft man vergnügungsfrohe Anhänger von La Mettrie und dem Marquis de Sade. In Charlottenburg hält man nichts von neumodischem Schnickschnack und bleibt bei Aristoteles. Die Menschen in Prenzlauer Berg geben sich weit progressiver und schwören auf eine Mischung aus Kant und Wellness-Esoterik, wobei sie den Glauben an ein höheres Wesen als die vernünftigere Alternative und den Einkauf im Bioladen als moralische Pflicht postulieren. Im Wedding hingegen sitzen die Lebensphilosophen. Sie kaufen beim Thai Dill und zitieren Dilthey. Logik gilt als überschätzt und Oswald Spenglers „Untergang des Abendlands“ als hoch aktuell. In Friedrichshain und Kreuzberg schwingt die Existenzphilosophie französischer Ausprägung das Zepter. Wer will bestreiten, dass man sich dort viel mit der eigenen Geworfenheit beschäftigt und überdies der dort hausende Menschenschlag ein Sein verkörpert, das nicht das ist, was es ist, und das das ist, was es nicht ist. In Grunewald schwört man auf Sloterdijk, in Neukölln diskutiert man Sarrazin, den anderen großen deutschen Gegenwartsphilosophen. Wer wiederum die Spandauer reden hört, erkennt die Nähe zu Heidegger. Natürlich gibt es auch zwielichtige und hoch unterhaltsame Mischformen wie den Schreiblehrer und Philosophen Lutz von Werder. Heute Abend stellt er seine persönliche Philosophie in der Urania vor. Anselm Neft

Lutz von Werder: „Die neue Existenzphilosophie – die Grundlage meiner philosophischen Praxis“, Urania, An der Urania 17, 19.30 Uhr, 6 €

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