Was machen wir heute? : Pollern

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Letztens hat mir ein Freund eine Überwachungskamera geschenkt. Es ist nur eine Attrappe, aber eine so täuschend echte, dass jeder, der nun zu meiner Tür hereinkommt und unfreiwillig in ihr Objektiv blinzelt, mich sofort empört fragt, ob ich unter die Kiezpatrouille gegangen bin. Ich kann dann nur mit der Geschichte vom Pollerpräsidenten antworten. Der Pollerpräsident bin nämlich ich.

Es ist fünf Jahre her, dass ich an dieser Stelle die Dauerbaustelle vor der Gethsemanekirche thematisiert habe. Damals wurden die Bürgersteige aufgerissen und neu asphaltiert. Weil die Platten und Poller aus China kamen und die Kisten, in denen sie im Hamburger Hafen anlandeten, von riesigen Spinnen befallen waren, zog sich die Sache hin und gab Stoff für mehrere Kolumnen her. Im Kiez wurde ich daraufhin zum Pollerpräsidenten gekürt und bekam zum Geburtstag einen kleinen mobilen Poller überreicht. Die Kameraattrappe gehört wohl auch in diese Geschenkekategorie.

Ein halbes Jahrzehnt später ist die Straße vor der Gethsemanekirche wieder bereit für den Aufriss. Erneut ist alles monatelang gesperrt, diesmal werden Rohre verlegt. Heutzutage aber ist niemand mehr von der Baustelle genervt. Sie wird in das Dauerhappening vor der Eisdiele – Kinderwagenschaukeln am Vormittag, Latte-Nachbestellen am Mittag, gegenseitige Stillberatung am Nachmittag und Leah-kommst-du-jetzt-endlich-Rufe am frühen Abend – einfach einbezogen. Und so sitzen die Kinder vom Bahnhof Schönhauser Allee mit ihren Eltern auf riesigen Rohren herum, schlabbern ihr Softeis und zeigen mit kleinen Fingern und großen Augen auf die Bagger, die kein Spielzeug sind. Letzte Woche erreichte die Kiezbaustellenparty schon Dimensionen einer bei Facebook angekündigten Geburtstagsfeier. In diesem Moment dachte ich: Vielleicht sollte ich meinen Poller jetzt zum Einsatz bringen. Und mit der Überwachungskamera könnte ich ja die Arbeiter ein bisschen antreiben.Robert Ide

Baustellenwatching täglich vor der „Kleinen Eiszeit“ in der Stargarder Straße.

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