Kultur : Was machen wir heute?: Profis werden

Heike Jahberg

Ich liebe meine Kinder, ehrlich. Niemanden liebe ich mehr, meinen Gatten vielleicht einmal ausgenommen. Dennoch gibt es Tage, an denen ich meine beiden Süßen am liebsten auf den Mond schießen würde - ohne Rückfahrkarte. Denn keiner schafft es, so sehr auf meinen Nerven herumzutrampeln, wie Tom (fast sechs) und Linda (eineinhalb).

Dabei bin ich durchaus gutwillig. Schlechter Laune, Dauergequengel oder Klettentum begegne ich mit Verständnis, Geduld und Freundlichkeit - wenn der Tag noch jung und meine Energie grenzenlos ist. Stunden später sieht die Welt anders aus. Vom frühen Morgen bis zum späten Nachmittag vollzieht sich die allmähliche Wandlung einer gelassenen, liebenswürdigen Mutter hin zu einer tobenden, brüllenden Furie.

Wenn Tom trotz wiederholter Warnung seine Füße auf dem Mittagstisch platziert, Fisch, Nudeln und Soße mit den Fingern in sich hineinschaufelt, Linda zum x-ten Mal Bananen bestellt und sie dann mit einem provokanten Lächeln in den Mülleimer fallen lässt, ballen sich die familiären Gewitterwolken zusammen. Es ist wie beim Zahnarzt. Anfangs tut es gar nicht weh, wenn er bohrt, aber kurz vor dem Ende möchte man ihm an die Gurgel.

Dann fiel mir der Zettel in die Hände. "Willst Du eine Profi-Mutter werden?", fragte er mich. "Möchtest Du mit Deinen Kindern herzliche und vertrauensvolle Beziehungen aufbauen, auf Drohungen und Bestrafungen verzichten? Dann komm zum Gordon-Familientraining." Klar wollte ich. Und deshalb ging ich zum Informationsabend.

Dort traf ich neun weitere Eltern, die Profi-Väter und -Mütter werden wollen. Mit einem Abend, so erfuhren wir, ist die Sache leider nicht getan. Man muss einen zweimonatigen Kurs besuchen, in man alles Wesentliche lernt - wie man sprechen muss, damit die Kinder zuhören, wie man zuhören muss, damit die Kinder sprechen, und wie man eine Familienkonferenz durchführt, auf der alle Probleme gelöst werden.

Ich stellte mir vor, wie Linda, Tom und ich am Tisch sitzen und eine solche Konferenz abhalten. Ich würde sagen: "Tom, ich möchte nicht, dass Du Deine Füße noch länger in meiner Suppe badest", und Tom würde kontern: "Deine blöde Suppe mag ich sowieso nicht". Linda, die ihre Bananen in den Müll schmeißt, würde ab und zu mit dem Kopf wackeln und "Lina, Lina, Nane nein", rufen. Aber vielleicht stimmt das alles gar nicht, und ich weiß einfach nur noch nicht genug.

Auf jeden Fall üben wir unverdrossen. Statt Tom oder Linda anzubrüllen, sage ich jetzt: "Tom, ich möchte, dass du mich nicht länger schlägst" oder "Linda, ich möchte, dass du nicht mehr auf den Boden pinkelst". Unsere Freunde finden das komisch. Aber was wissen die schon? Die sind ja keine Profi-Eltern.

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