Was machen wir heute? : Projizieren

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Möglicherweise ist das nur eine Projektion, aber ich sag mal: N war schuld. N macht gern Bemerkungen im Kino, wichtige Bemerkungen gewiss, aber stets an Stellen, an denen die Filmhelden wichtige Bemerkungen machen. Da ich N mag, gehe ich auch gern mit ihm ins Kino, aber nur in Actionfilme. Da sind die Bemerkungen der Filmhelden selten wichtig. Weil N und ich keine Liebhaber des Actionkinos sind, gehen wir selten gemeinsam ins Kino.

Nun waren wir in einem Actionfilm, „Inception“, von dem es hieß, er sei ganz außergewöhnlich, die visuellen Effekte, die Traumthematik, die verschachtelte Handlung. Die Effekte, das kann ich bestätigen, sind erstaunlich, die Handlung ist verschachtelt, und es geht irgendwie um Träume. Es fallen viele unwichtige Actionfilmsätze. Die wichtigen Sätze werden jedoch in exakt derselben Art geäußert, atemlos, gern während schnellen Fahrens oder Schießens. Selbstverständlich machte N seine synchronen Bemerkungen, und ich verstand den Film nicht. Warum war es jetzt doch gut, dass das Auto mit den Helden von der Brücke fiel? Wieso ist es schlimmer, in der ersten Traumebene zu sterben, als in der dritten? Und was sind Projektionen? Die Bösen, die auf die Guten schießen, sind Projektionen, das konnte ich zwischen zwei N-Bemerkungen heraushören. Aber warum?

Ich las zu Hause nach. Projektionen sind in der Psychoanalyse Schutzmechanismen der Seele. Im Film, so verstand ich das jetzt, waren das also deshalb die Bösen, weil sie im Traum die Guten, die in den Traum eindringen, fortjagen wollen, mit Waffengewalt selbstverständlich. Außerhalb des Films neigen Projektionen nicht so sehr zum Schießen. Sie verleiten uns, andere gewisser Dinge zu beschuldigen, für die wir uns selbst schämen. Ich also behaupte, N sei schuld, dass ich den Film nicht verstanden habe, weil er immer dazwischengeredet hat. Tatsächlich aber, so ahne ich nun, war nur ich selbst zu dämlich, der Verschachtelung zu folgen. David Ensikat

„Inception“ läuft noch in vielen Kinos und hat Überlänge

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