Was machen wir heute? : Radio hören

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So alt wie die Geschichte der Medien ist wohl auch die Geschichte der Angst, dass neue Medien alte, lieb gewonnene ersetzen würden: die Zeitung das Buch, das Radio die Zeitung, das Fernsehen das Radio, das Internet alle anderen. Obgleich Verdrängungen stattfinden, tun sie es in aller Regel nicht so drastisch wie befürchtet. Neue Medien ergänzen alte, der Medienkonsum wächst ganz allgemein; die Leute gehen seltener spazieren und backen kaum noch Kuchen, dafür hocken sie vor Elektrokisten und lassen sich erzählen, wie es draußen aussieht und wie man Kuchen bäckt. Einige lesen darüber auch noch einen nachdenklichen Zeitungstext.

Ich darf sagen, dass ich durchs Internet wieder zum konzentrierten Radiohören gefunden habe. „This American Life“ heißt eine wöchentliche Radiosendung aus den USA, welche übers Internet zu hören ist. Sie widmet sich in jeweils drei bis vier Episoden eine Stunde lang einem Thema, das die Wirtschaftskrise sein kann oder Babysitten oder das Leben nach dem Tod oder Superkräfte (da wird etwa gefragt, wer, wenn er die Wahl hätte, welche Superkraft wählen würde: Fliegen oder Unsichtbarsein. Ein Befund: Die meisten Männer wollen fliegen, Frauen wählen öfter die Unsichtbarkeit).

Allein wegen dieser Radiosendung muss man jeden bemitleiden, der zu wenig Englisch versteht. Gewiss, er kann eine Handvoll deutscher Zeitungen lesen, die besser sind als die meisten englischen und amerikanischen. Aber beim Radio ist er aufgeschmissen, denn kein deutscher Sender ist zu dieser freien, informativen, unterhaltsamen Art Hörfunk fähig, kein einziger!

Das Schlimme: „This American Life“ existiert seit 15 Jahren, Hunderte von Folgen existieren, allesamt über die Internetseite anhörbar und herunterladbar. Wozu noch Bücher, CDs, Fernsehen, wofür der ganze Internetrest? Immerhin, spazieren gehen und Kuchen backen sind möglich; man kann dabei ja „This American Life“ hören. David Ensikat

Die vielleicht beste Radiosendung der Welt (mit Podcast): www.thisamericanlife.org

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