Was machen wir heute? : Reinrufen

Jochen Schmidt

Von der ungewöhnlich intensiven kulturellen Förderung der Kinder in der Sowjetunion macht man sich bei uns keinen Begriff. In jeder Stadt ein „Haus des Kinderbuchs“ und ein Puppentheater. 1948 wurde auf Befehl der russischen Besatzer die ehemalige „Joseph-Goebbels-Schule“ am Stadtpark Friedrichshain zum „Haus der Kultur der Sowjetunion, Abteilung Kinder“ erklärt. 1950 eröffnet in dem schlossartigen Bau das „Theater der Freundschaft“, in das wohl jedes Ost-Berliner Schulkind irgendwann einmal gegangen ist.

1991 klang der schöne Theatername so anrüchig, dass man ihn in „Caroussel-Theater“ änderte. Inzwischen heißt es „Theater an der Parkaue“ und dürfte eines der größten Kinder- und Jugendtheater Deutschlands sein. Vor wenigen Jahren sah man noch den Schatten des Emblems der Pionierorganisation an der Fassade, inzwischen ist er übermalt worden. Aber an der Einrichtung des Hauses hat sich wenig geändert, die schönen Holzpaneele sind noch die aus Hellerau, und auch der Kronleuchter, den man als Kind immer im Auge behielt, aus Angst, er könnte runterfallen, hängt noch an der Decke.

Beim Stück „Der Fischer und seine Frau“ kann man erleben, wie die Kinder in einer Weise mit dem Geschehen mitgehen, von der man als Bühnenkünstler nur träumen kann. Mehrmals wechseln die Zuschauer die Plätze, zwischenzeitlich sitzen sie auf der Bühne und gucken in den Zuschauerraum. Sie werden zum Reinrufen ermuntert.

Man denkt ja manchmal, man müsste Mitleid mit Schauspielern haben, die es ans Kindertheater verschlagen hat, aber hier haben sie sichtlich Spaß. In der Pause gibt es Gummitiere am Büfett, und hinterher kann man im angrenzenden Stadtpark spazieren gehen, in dessen Büschen sich vergessene Tierskulpturen aus DDR-Zeiten verstecken. Ich muss mich aber nicht mehr mit meinem Bruder streiten, wer auf dem Seehund sitzen darf. Jochen Schmidt

„Der Fischer und seine Frau“, Theater an der Parkaue, 13. / 14. April, 9 Uhr; 15. April, 10 Uhr. Informationen im Internet: www.parkaue.de

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