Kultur : Was machen wir heute?: Reste essen

Andrea Dernbach

Wahrscheinlich haben Sie längst genug. Ich nicht. Selbst wenn nicht nur der Tagesspiegel seit Tagen übervoll ist von Berichten zur Grünen Woche, wir Neu-Berliner wollen die Agrarshow auf dem Messegelände auch mal gesehen haben. Schließlich galt sie uns schon seit Jahren als so exotisch berlinerisch wie Weiße mit Schuss oder Herz mit Schnauze. Gleichzeitig war das ein Stück frühes Nachkriegsdeutschland: Wer sie abends in der Tagesschau sah, die Ertls, Kiechles, Funkes, wie sie auf dem traditionellen Landwirtschaftsminister-Eröffnungsrundgang Häppchen um Happen verschlangen und Biere nachspülten, der wusste, dass die Fresswelle der 50er auch nach Jahrzehnten wenigstens noch plätscherte.

Also schnell noch mal hin, bevor mein altes Fernsehbild zu wackeln beginnt. Anzeichen dafür gibt es schließlich. Der erste Auftritt der schlankeren Neuen im Amt zum Beispiel, Renate Künast. Oder die Spots und Plakate, mit denen die neuerdings "Neue Grüne Woche" dieses Jahr für sich wirbt, etwa das mit der fleischfressenden Pflanze, das ironisch vor "gefährlichen Liebschaften" warnt. Geblieben sind die knallharten Öffnungszeiten am Messedamm - um 18 Uhr wird dichtgemacht - das erinnert an den guten alten Ladenschluss. Ich mache einen Warentest daraus: Mal sehen, was nach dem offiziellen Ende noch geboten wird.

Da ist zunächst ein Strom von Messebesuchern, deren Konsumlust offenbar auch in den Zeiten von BSE ungebrochen ist. Sie haben nicht nur geguckt, sie schleppen schwere Supermarkttüten nach Hause. Und auch des Kanzlers Ruf "weg von den Agrarfabriken" verfängt nicht überall. Das ukrainische Landwirtschaftsministerium zum Beispiel rühmt sich auf einer Schautafel seiner Forscher, die "auf weit-umfassendem Niveau" Probleme gelöst hätten. Als Erfolg der Veterinärmediziner gilt, dass "melir als 40 hocheffelnive Medikamentöse, prophylaktischen und diagnoatischen Präparate entwickelt" worden seien. Das wurde sicher vor Bekanntwerden des jüngsten Schweinemast-Skandals so formuliert.

Doch, doch, den einen oder anderen Happen gibt es noch, selbst kurz nach 18 Uhr. An den meisten Ständen wird zwar schon gefeiert, und die Holländer öffnen um die Zeit ihre Austern nicht mehr für einsfünfzig, sondern nur noch für geladene Gäste. Aber am französischen Stand schenkt man mir noch ein Pröbchen Pflaumen in Armagnac aus, sogar um ein Drittel billiger. Und die Käsefrau verkauft mir einen in Folie eingeschweißten Morbier - "den muss ich ja nicht auswiegen". Sonst hätte ich auf die Schnelle noch die Wahl zwischen Wein aus Navarra, belgischem Kirschbier oder - am einzigen an diesem Abend noch offenen deutschen Stand - dem unter Kennern berühmten badischen Rothaus-Pils.

Resultat des Warentests nach Toresschluss: Wer zu spät kommt, hat hier Gelegenheit, seiner Leber mehr Böses anzutun als seinem Magen Gutes. Neue Grüne Woche, wir Neu-Berliner beobachten Dich aus alter Zuneigung weiter!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben