Kultur : Was machen wir heute?: Richtig schäumen

Susanne Kippenberger

Können Frauen denken?" So fragte die Postkarte von Anna Blume, die unser aller Studentinnenbude dekorierte, als muntere Ergänzung zum Plakat der elegisch-ätherischen Virginia Woolf. An Anna Blume war alles rund, der Name, die Backen, die Augen. Auch die Tomaten in der Schale auf ihrem Kopf. Heute würde die Frage vermutlich anders lauten: Können Frauen kochen?

Wenn man sich so umsieht in der Gourmet-Welt - offensichtlich nicht. Neulich zum Beispiel, bei Witzigmanns 60. Geburtstagsfest, stellten sich des Meisters Schüler und Verbündete zum großen Foto auf - ein Gruppenbild ganz ohne Dame. Auch wenn in Berlin die Spitzenköche zum Wettbewerb antreten, sind die Herren unter sich. Aber als einer von ihnen neulich Nachhilfeunterricht im Kochen anbot, kamen lauter Damen - und nur ein einziger Mann.

Als ich in Tim Raues Kreuzberger Restaurantküche trat, da traf mich der Schlag. Nicht wegen der vielen Damen, sondern wegen der vielen toten Tiere. Die Früchte des Meeres sind mir zum Kochen zu echt, mit ihren Eingeweiden, Schuppen und Schleim. Und die Augen gucken einen immer so an. Vielleicht sind wir Frauen ja einfach zu sensibel für die gehobene Gastronomie. Andererseits: Den Damen haben die Würmer im Heilbutt gar nichts ausgemacht, und meine Freundin Ingela, die hat richtig zugepackt, hat dem Seelachs die Haut abgezogen und dem Heilbutt mit der Zange die Gräten rausgerupft. Aber Ingela ist an Leichen gewöhnt. Sie ist Medizinerin. Ich nicht.

Vielleicht spielen Frauen auch nicht in der Ersten Liga mit, weil sie sich selten für Formel Eins interessieren. Fußball und Autorennen sehen sich Raue und Mannschaft nämlich gern bei der Arbeit im Fernsehen an. Ein bisschen Spaß muss sein, denn sonst herrschen Stress und Schweigen. "Es redet immer nur einer: der Chef." Sagt der Chef.

Möglicherweise scheitern wir auch nur an der Technik. Ich zumindest. Ich hab ja doch einiges beim Kreuzberger Shooting Star gelernt, zum Beispiel, dass er auch nur mit Bautzener Senf kocht. Und mit dem Espuma. Das ist kein Tier, sondern eine Maschine, die sieht aus wie ein Sahne-Syphon, funktioniert wie ein Sahne-Syphon, aber schäumt etwas auf den Teller, was in Spanien und Kreuzberg gerade groß in Mode ist. Tim Raue kreiert darin seinen legendären Aal-Schaum, den er den Gästen im e. t. a. hoffmann als ersten Gruß aus der Küche schickt. Mmh! Und das Schönste daran: Der Schaum hat weder Augen noch Schwanz.

Leider bin ich schon an der Gebrauchsanweisung gescheitert. Das Zusammenbauen mussten mir zwei männliche Freunde abnehmen, widerwillig, obwohl ich sie bekocht habe, nach Raues Art. Aber am Ende, glaube ich, fehlt uns Frauen zum Kochen einfach die Kraft. Als ich mein neues Zaubergerät für den nächsten Gang öffnen wollte, habe ich es nicht mehr aufgekriegt. Das musste mein Kollege machen. Dafür kriegt er demnächst auch was: Erdbeerschaum, nach Raues Rezept. Der soll ganz zart sein. Richtig feminin.

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