Kultur : Was machen wir heute?: Ritter gucken

Andreas Austilat

Es gibt ja Leute, die leben nur im hier und jetzt. Geschichte ist denen olle Kamelle, weil von früher. Das finden wir gar nicht gut. Klar, woher wir kommen, wohin wir gehen, halten wir eben für wichtig. Und ganz eigennützige Erwägungen spielen natürlich auch eine Rolle: Der Tag wird kommen, an dem wir selbst in die Geschichte eingehen. Wär doch tröstlich, wenn sich dann noch einer für uns oder wenigstens unsere Zeit interessiert. Wie aber bringt man Kindern Geschichte näher?

Die Sache ist im Grunde ganz einfach: Kinder mögen es, wenn es knallt und scheppert, stinkt und zischt. Die Chemie macht sich das zu Nutze, sie erlebt immer dann einen ihrer raren dramaturgischen Höhepunkte, wenn es im Unterricht zur Knallgasprobe kommt. In der Historie ist das nicht anders. Unsere Tochter zum Beispiel hat vor einem Jahr - da war sie knapp vier - ihr Herz fürs Mittelalter entdeckt. Seit dem nämlich schwärmt sie für Otto, den grünen Ritter, weil der so lustig vom Pferd fallen kann, dass die Rüstung nur so kracht.

Vor einem Jahr zu Ostern waren wir auf Burg Rabenstein. Das liegt im Fläming, ungefähr 70 Kilometer von Berlin entfernt an der Autobahn Richtung Nürnberg, Abfahrt Klein Marzehns. Es heißt, Rabenstein sei die einzige Höhenburg Norddeutschlands. Wie auch immer, wie sie da auf ihrem Hügel thront, sieht sie genauso aus, wie wir eine Raubritterburg haben wollen: Klein und solide, mit dicken Mauern, einem runden Turm, Torbogen, und der Hof ist mit groben Feldsteinen gepflas-tert. Steht man dann im Rittersaal, braucht das in unzähligen Sonntagnachmittagsritterfilmen geschulte Auge kaum Fantasie, sich auszumalen, wie hier rustikaler märkischer Landadel die abgenagten Hühnerbeine über die Schulter warf.

Wem das aber immer noch zu wenig anschaulich ist, dem sei Rabenstein an Ostern empfohlen. Dann braucht es nämlich überhaupt keine Fantasie mehr, dann braucht es auch keinen Ivanhoe oder Eisenherz im TV, dann ist hier Showtime, feiert das Mittelalter Auferstehung - mit Markt, Musik und hammerharten Duellen zu Pferde und am Boden.

Vielleicht geht es in Rabenstein nicht immer his-torisch korrekt zu, aber bunt ist es allemal, wenn das merkwürdig kostümierte Volk über den Markt flaniert. Und zuviel versprochen haben wir eingangs auch nicht: Es zischt, wenn der Schmied das glühende Eisen in den Wasserbottich steckt. Es stinkt, wenn die Mittelalterwurst zu lange grillt. Dazu knattern die Wimpel im Wind, scheppern die Fanfaren und ein launiger Moderator im bodenlangen Wickelwams ruft das Volk zum Murren auf, wenn die Ritter vor der kleinen Brettertribüne nicht so zur Sache gehen, dass es auch ordentlich knallt.

Ja, da staunen die Kleinen. Und sogar Zwölfjahrige haben wir dabei beobachtet, wie sie wenigstens für kurze Zeit ihren Gameboy aus der Hand geben. Das ist doch ein Anfang.

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