Kultur : Was machen wir heute?: Rituale pflegen

Sigrid Kneist

Mama, ich muss immer an das Schreckliche denken", sagte Charlotte vor einigen Tagen - die Bilder des Terrors, der Trümmer und der Rettungsmannschaften sind auch für Kinderaugen allgegenwärtig. "Nur manchmal vergesse ich es einfach. In der Schule, und bei meinem Geburtstag werde ich bestimmt auch nicht dran denken. Ist das schlimm?" Nein, natürlich ist das nicht schlimm. Und wir haben dann auch einen ganz schönen Geburtstag gefeiert: mit vielen Kindern, vielen Spielen, vielen Geschenken, Süßigkeiten, Lachen und Singen. Genauso, wie wir eben einen solchen Geburtstag feiern. Charlotte und ihre Gäste haben es genossen, haben einfach abgeschaltet, ihre Ängste ausgeblendet. Kinder können das in solchen Momenten, auch wenn das Thema sie sonst durchaus beschäftigt.

Unsere nunmehr sechs Jahre alte Tochter stellt uns jetzt viele Fragen. Manche sind ängstlich, manche kindlich neugierig, manche sehr detailversessen. Auf einige dieser Fragen antworten wir beruhigend, einige können wir erklären, bei anderen wiederum fallen uns zufrieden stellende Antworten schwer. Wie soll man auch das unfassbar Scheinende einem doch noch kleinen Kind verständlich machen, wenn man selbst nicht richtig weiß, wie man damit umgehen soll? Wie trauern und gedenken?

Charlotte wollte in einen Gottesdienst - "wegen New York". Nicht, dass unsere Tochter besonders fromm ist oder wir eine ausgesprochen religiöse Famile sind. Das sind wir nun wirlich nicht. Der Grund für ihren Wunsch war eigentlich ziemlich banal: Ihr Lieblingssender Energy 103,4, der für seine Teenie-Zielgruppe die Charts rauf- und runterdudelt und Erwachsene durch seine nur schwer zu ertragenden, quasselnden Moderatoren nervt, hatte die Gedenkandachten und -gottesdienste genannt.

Mich hat dieses nachdenliche Element in diesem Wir-sind-doch-alle-voll-cool-Sender erstaunt, und Charlotte brachte es auf die Idee. Sie erinnerte sich an ihren Taufgottesdienst, der noch nicht lange zurück lag. Deswegen also wollte sie in die Kirche. Warum auch nicht? Es kann ja nicht schaden, etwas über unsere Kirche, deren Wertvorstellungen und den Glauben zu erfahren. Außerdem können die Rituale der Kirche, die gemeinsamen Gebete und die Andacht, durchaus etwas Beruhigendes und Tröstendes haben, selbst wenn man sich nicht so sehr mit den Inhalten auseinandersetzt, sondern mehr an die Form hält. Nicht umsonst sind Kirchen in Krisenzeiten besser besucht als gemeinhin.

Wir haben also den nächsten Familiengottesdienst in der Gemeinde besucht, der natürlich ganz im Zeichen der Terroranschläge stand. So wird es wohl in den nächsten Wochen immer wieder sein. Und alle in der kleinen Kapelle haben beim Gebet die Hände gefaltet, den Kopf gesenkt und der Opfer in Amerika gedacht. Dass man hier in Berlin zusammenkommt, um um Menschen zu trauern, die man gar nicht kannte, das hat Charlotte sehr beeindruckt.

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