Was machen wir heute? : Rote Tomaten suchen

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Es macht schon Spaß, bei orientalischen Obst- und Gemüsehändlern einzukaufen. Sie sind überaus zuvorkommend und unterhaltsam. Irgendwie versuchen sie immer den Eindruck zu erwecken, als wollten sie ihre Kunden beschenken.

Zum Beispiel Herr S. in Nikolassee. Man muss ihn direkt bremsen. Nie vergisst er, der Rentnerin eine Frucht oder Blumen als Zugabe in den Korb zu legen. Mitunter will er den Preis abrunden. „Zehn Euro 20, sagen wir zehn, Sie auch gute Kundin!“, meint er dann. Herr S. stammt aus dem Libanon, vor Jahren erzählte er, dass er nun seinen deutschen Pass habe. Alle Welt nennt ihn Josef, die Rentnerin nicht, sie lässt sich ja auch nicht von jedem duzen.

Doch neulich war mit Herrn S. kein Geschäft zu machen. Seine Tomaten waren einfach zu blass. Er machte ein trauriges Gesicht, was ihn nicht hinderte, ihr rote Tulpen zu schenken, Ehrensache. Mit Tomaten ist es ja um diese Jahreszeit noch schwierig, preiswerte schmecken nicht, schmackhafte sind reichlich teuer. Jedenfalls brauchte sie dringend ein Kilo von den besten, da sie etliche Gäste erwartete. Also auf zum nächsten Türken oder Araber. Der bekam bei ihrem Wunsch auch gleich geschäftstüchtig glänzende Augen. Er biete von allem nur das Beste an, versicherte er, Ehrensache.

Wie er so hantierte, schwupp, lagen schon viele halbreife Tomaten in der Tüte. Nee, protestierte sie entschlossen, die bitte nicht! Da begann er gekränkt zu gestikulieren und zu jammern, in seiner Sprache. Sie verstand kein Wort, es klang nach Verzweiflung, wenn nicht Verwünschung. Ein berlinischer Händler, dachte sie, hätte trocken gemeckert: Wenn’s Ihnen nicht passt, junge Frau, müssen Sie woanders hingehen.

Jener aber rang die Hände. Er sei doch nicht gezwungen, sie zu bedienen, entgegnete sie so sanft wie möglich. Wenn er es aber tun wolle, dann müsse es das richtige Rot sein. Natürlich ließ er sie nicht gehen, sondern packte klagend wie im Märchen aus tausend und einer Nacht seine schönsten Tomaten ein. Noch im Fortgehen hörte sie ihn über den Verlust der Vorzeigeware murren. Brigitte Grunert

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