Was machen wir heute? : Rotieren

Wie eine Westberlinerdie Stadt erleben kann

Christian van lessenD

Mein Verständnis für Handwerk und Technik ist, gelinde gesagt, ausbaufähig. Gerade waren mehrere Trupps von Handwerkern in unserem Haus, haben Wände aufgerissen, Leitungen verlegt, kräftig gebohrt, gemauert und gespachtelt. Ich habe fassungslos zugesehen und nicht wirklich begriffen, was und warum sie das alles tun. Aber ich bin schwer beeindruckt. Höchste Zeit, denke ich, eine Art Intensivkurs als Schocktherapie für handwerkliches und technisches Verständnis zu absolvieren. Wie passend, dass wir am Bahnhof Gleisdreieck unser Technikmuseum haben. Das zeigt gerade die Ausstellung „Der Flettner-Rotor – eine gescheiterte Innovation?“ Schon der Titel fasziniert mich, sind doch Technik und Scheitern für mich Begriffe, die fast schon zusammengehören. Vielleicht ist oder war Flettner einer wie ich? Auf ins Museum! In der Schiffsabteilung läuft ein uralter Erklärfilm, es gibt Modelle und Fotos von Anton Flettners rotierenden Zylindern, die er für Segel und Motorschiffe in den zwanziger Jahren entwickelte. Wie stählerne Schornsteine sahen sie aus, rotierten im Wind, brachten die Schiffe in Schwung und sparten kräftig Treibstoff. Ein genialer Erfinder! Aber irgendwie kam die energiesparende Technik nicht in Schwung, weil die Ölpreise fielen. Aus heutiger Sicht fass’ ich es nicht, rotiere begeistert und voller Verständnis um Vitrinen, Modelle und Zeichnungen und fühle den unverstandenen, verhinderten Flettner und Techniker in mir. Noch in diesem Jahr soll tatsächlich ein neues Rotorschiff an der Küste in Betrieb gehen! An mir sausen im Museum kleinste Kinder vorbei, lassen sich paar Ecken weiter hochinteressiert eine Dreifach-Expansionsdampfmaschine erklären. Oder so was Ähnliches. Wäre ich als Kind nur schon hier gewesen! Ich hätte den Handwerkern im Haus vielleicht sogar Tipps geben können. Christian van lessen

Wer so viel praktische Technik nicht verträgt: Das Deutsche Technikmuseum, Trebbiner Straße 9 in Kreuzberg, zeigt gerade noch eine andere Sonderausstellung – über Max Krajewsky, Fotochronisten der Berliner Baugeschichte.

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