Was machen wir heute? : Ruhe finden im Krankenhaus

Anselm Neft

Berlin bietet den Ruhebedürftigen eine besondere Rückzugsmöglichkeit. Wenn Ihnen religiöse Traumata den Weg ins Kloster und mangelnde Barschaft den Weg ins Kurhotel verbauen, dann sollten Sie es mir nachtun und sich bei einer medizinischen Studie im Klinikum Westend verdingen.

Sie werden sich mit 30 Männern auf orangefarbenen Plastikstühlen wiederfinden, ein fleischwurstblasser Arzt wird Ihnen von einem neuen Medikament erzählen. Er wird mögliche Nebenwirkungen erwähnen: Kopfschmerzen, Übelkeit, Scheinschwangerschaften, leichte Formen von Lepra, das Kerner’sche Syndrom, Delirium Clemens (eine milde Form von Säuferwahnsinn), die Klopstock’sche Krankheit, Lykanthropie sowie Larmoyanz und Fußpilz.

Sie werden hören: drei Tage vorher keinen Sport, keine mohnhaltigen Produkte, keine Zigaretten. 24 Stunden vorher keinen Tee, Kaffee oder Alkohol. Vor allem keine Energydrinks. Ein junger Mann mit Baseballkappe wird aufspringen: „Was, keine Energydrinks?“ Dann wird er den Raum verlassen.

Man wird Sie testen: Blutdruck, Urin, EKG. Man wird Sie fragen. Sie werden nur bei „Alkoholkonsum“ und „Schizophrenie in der Familie“ lügen. Zwei Tage später gehen Sie mit einer Sporttasche ins Haus 18. Es gibt einen Pförtner, eine Karte mit Identitäts- und Studiennummer. Es gibt Fünfbettzimmer und Menschen in weißen Kitteln, für die Sie kein Mensch sind.

Sie werden Demut lernen. Sie werden portioniertes Graubrot von Plastiktabletts essen und Leute treffen, die das hauptberuflich machen. Sie werden auf dem Klo einen Zettel vorfinden: „Bitte die Spülung betätigen nach dem Pinkeln u. a. Geschäften.“ Nach ein paar Tagen beginnen Sie, auf dem Gang zu schlurfen. Wenn Sie wieder rauskommen, wird vielleicht die Sonne scheinen, Sie werden eine Weile in der Welt jenseits von Haus 18 so fehlbesetzt wirken wie Mel Gibson in „Hamlet“. Aber Sie werden dankbar sein. Und außerdem um ein paar hundert Euro reicher. Anselm Neft

Für Medikamententests ist die Berliner Ethikkommission zuständig, Telefon: 9012-7640

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