Was machen wir heute? : Ruhe suchen

Wie ein Neuberline rdie Stadt erleben kann - der Stadt gedanklich Pantoffeln verpassen.

Anselm Neft

Auf der Suche nach einem ruhigen Ort zum Schreiben ist mir die neu eröffnete Grimm-Bibliothek am S-Bahnbogen Friedrichstraße empfohlen worden. Neun Stockwerke, 20 000 Quadratmeter, 2,5 Millionen Bücher und leider täglich mehr Menschen, die ebenfalls einen ruhigen Ort zum Lesen und Schreiben suchen. Architekt Max Dudler hat versucht, den terrassenartig geschichteten Arbeitsplätzen mittels hölzerner Lochpaneele eine lerntaugliche Akustik zu verpassen, aber was nutzt es, wenn alle paar Minuten ein Soundsignal davon kündet, dass wieder jemand sein Windows-Betriebssystem gestartet hat? Was taugt das feinste Paneel, wenn die frisch ins Semester purzelnden Studentinnen und Studenten sich so viel zu erzählen haben? Wie soll das tropischste Holz ihr Wispern, Giggeln und Schmatzen dämmen? Ja, sind die überhaupt zum Lernen hier?

Zu den klassischen Philologen hätte ich gehen sollen. Da wird noch gelernt. Da ist man nerdish by nature. Da trägt auch niemand Stöckelschuhe, die mit ihren harten Absätzen nicht nur den Bibliotheksboden perforieren, sondern auch meine Nerven.

Der ambivalente Klang des Stöckelschuhs: Kurz, hart, schnippisch und entschlossen auf der einen Seite, gehetzt, zerbrechlich, unsicher-schrill auf der anderen. Folterknecht der Frauen, die lieber lange Beine als bequeme Schuhe haben, Folterknecht der Nervenkranken, die stets auf der Suche nach Orten der Ruhe, des Friedens und der Menschlichkeit sind.

„Schreib doch zu Hause!“, gröhlt mir ein fiktiver Unmensch im Geiste mitten ins Gesicht. Zu Hause, denke ich, derweil Bitterkeit meine Mundwinkel vertieft. Wo findet man in diesem Großstadt-Gestöckel ein zu Hause? Über mir geistert eine Frau in Pumps über das Parkett, wann immer ihr der Sinn danach steht. Ich träume von einer Menschheit in Pantoffeln. Zumindest in Mietskasernen und öffentlichen Bibliotheken sollte man am Eingang filzene Hausschuhe reichen.

Pantoffeleck, Torstraße 39 in Mitte. Und im Internet: www.pantoffeleck.de

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