Was machen wir heute? : Sattelgespräche führen

Wie eine Mutterdie Stadt erleben kann

Dorothee Nolte

Wenn ich Lucas, 6, nachmittags vom Hort abhole, klettert er gerne auf meinen Fahrradsattel und lässt sich von mir nach Hause schieben. In dieser kostbaren Viertelstunde führen wir, im Wortsinne auf Augenhöhe, unsere philosophischen Sattelgespräche. Sie beginnen mit dem Klassiker „Wie war''s in der Schule?“ und enden im Universum. „Eigentlich“, sagt Lucas zum Beispiel, „gehen wir gar nicht wirklich in diese Richtung. Es ist nur die Erde, die sich in diese Richtung dreht!“ In solchen Momenten wächst mir ein Rauschebart und ich verwandele mich in Sokrates mit eingebauter Hebammenfunktion. „Aber wenn das so ist“, gibt mein Sokrates zu bedenken, „was passiert, wenn wir die Richtung wechseln? Dreht sich die Erde dann in die andere Richtung?“ Darüber denkt Lucas eine Weile nach. Dann lacht er. „Früher waren die Menschen doof, die dachten, die Erde sei ein Tisch, von dem man runterfallen kann! Dabei ist die Erde eine Kugel, eine lebendige Kugel!“ Er zieht meinen Kopf zu sich heran und flüstert mir verschwörerisch ins Ohr: „Und ich verrate dir was: Deutschland - ist ihr Auge!“ Sokrates kann nicht mehr folgen. „Wie meinst du das, ihr Auge?“ Etwas verworren kommt heraus: Deutschland ist das Auge – nicht etwa der Nabel – der Welt, weil man von hier aus so gut sehen kann, wie Sonne und Mond auf- und untergehen. Von Deutschland aus hat man den besten Blick ins Universum! Mir wird klar: Dieses Kind hat kein geozentrisches und kein heliozentrisches Weltbild. Es hat schlicht ein lucaszentrisches Weltbild. Dagegen kommt kein Sokrates an. Ist auch egal: Wir sind zu Hause, ich hebe das Kind vom Sattel, das Universum verengt sich aufs Spielzimmer, und irgendwann schließt Deutschland sein magisches Auge. Pssst! Dann schlafen alle Philosophen auf der ganzen Weltkugel gleichzeitig ein. Dorothee Nolte

Den besten Blick ins Universum hat man von einer Sternwarte aus. Für kleine Philosophen reicht der Blick in den künstlichen Sternenhimmel - das Planetarium Am Insulaner und das Zeiss-Großplanetarium bieten Veranstaltungen für Kinder ab 5 Jahren an.

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