Kultur : Was machen wir heute?: Schalke feiern

Bernd Ulrich

An dieser Stelle erwarten Sie zu Recht einen plaudernden, halbernsten Ton. Der jedoch ist heute nicht möglich. Lesen Sie diese Glosse lieber wie die erste Sinfonie von Gustav Mahler: getragen feierlich bis stürmisch bewegt.

Binnen einer Woche wird sich das Schicksal des FC Schalke 04, unseres Vereins, entscheiden: Heute die noch nicht ganz verlorene Meisterschaft, am kommenden Samstag das noch nicht ganz gewonnene DFB-Pokalfinale gegen den 1.FC Union Berlin.

Und nun fiebert die männliche Linie der Familie Ulrich den großen Finals entgegen. Der Großvater von Fritz, mein Vater, läuft mit seiner Flinte nervös durch den Schwarzwald und trifft, weil er geistig immer nur auf Schalke ist, keinen Bock mehr, und die Eichelhäher keckern immerzu: Bayern, Bayern.

800 Kilometer weiter spielt Fritz jetzt schon vor dem Frühstück im Flur mit seinem Softball Schalke gegen Unterhaching und Hamburg gegen Bayern. Seine Voodoo-Fußballspiele gehen immer zehn zu null für uns aus. Nach vollbrachtem Sieg stimmt der Kleine dann aus voller Fankehle die Schalke-Hymne an: "Ob ich verroste und verkalke/Ich gehe immer noch auf Schalke/Ob ich erlahme und ergrau/Ich liebe Königsblau."

Ich selber kann nicht mehr schlafen. Immer wenn ich die Lider senke, erscheint vor meinem geistigen Auge ein Furcht erregendes Déjà-vu. Denn 1972 war die Situation genauso wie heute: Am letzten Spieltag der Bundesliga-Saison entschied sich die Meisterschaft zwischen Bayern München und Schalke - in München. Eine Woche später stand Schalke im Pokalfinale gegen Kaiserslautern.

Mein Vater und ich waren sowohl in München wie beim Pokalendspiel in Hannover mit von der Partie. Und dann geschah das, was das Herz des kleinen Bernd schier zerriss. Schalke ging in München mit 1 : 5 unter, Bayern war Meister, und ich wurde im riesigen Olympiastadion unter all den jubelnden Münchnern immer kleiner. Kurz darauf hieß dann der Gegner Kaiserslautern. Die spielten sehr hart, jedenfalls kam es mir so vor, und ich rief mit meiner kleinen Fahne fuchtelnd, "Schweine" auf die lauterer Abwehr hinunter. Es half: Schalke gewann 5 : 1. Immerhin Pokalsieger!

Damals hatte Schalke mit Erwin Kremers auf Links, Klaus Fischer als Mittelstürmer und dem legendären Stan Libuda als Rechtsaußen den besten Sturm der Bundesliga. Nie wieder wurde auf Schalke so schwungvoll und so erfolgreich gestürmt wir damals. Bis heute eben: Sand, Mpenza und Asamoah können es genauso gut.

Nächsten Samstag ist es also so weit: Dann werden Großvater, Vater und Enkel, Gerd, Bernd und Fritz zusammen auf der Tribüne des Olympiastadions sitzen und die Schalke-Hymne singen. Drei Generationen königsblau. 5 : 1, wäre ein prima Ergebnis.

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