Was machen wir heute? : Schnell nach Växjö fliegen

Sonja Niemann

Ich bin seit viereinhalb Jahren Neuberlinerin. In Hamburg gilt man nur als echter Hamburger, wenn die eigenen Urahnen höchstpersönlich ihre Pfeffersäcke auf Kriegskoggen gegen Klaus Störtebecker verteidigt haben. Berliner zu werden dagegen ist relativ einfach – dachte ich, denn hier sind die Zugezogenen in der Mehrheit.

Und ich habe mich gut angepasst: Ich benutze nicht mehr das Wort „Berliner“ für Pfannkuchen. Ich sage Papestraße statt Südkreuz. Ich fahre ohne mit der Wimper zu zucken jeden Tag mit der „gefährlichsten U-Bahn Deutschlands“ und kann dort im größten Gedränge Zeitung lesen. Ich schimpfe über lahmarschige Touristen auf Radwegen und die Bionadisierung von Prenzlauer Berg. Aber in einer einzige Sache merke ich ganz deutlich, dass mich und die echten Berliner noch Welten trennen: Tempelhof. Der Flughafen. So, wie ich die Berichte zum Thema verstehe – je weniger Buchstaben der Name der Zeitung hat, umso eindeutiger sind sie in der Sache –, ist es eine Art lokalpatriotische Pflicht jedes echten Berliners, für die Offenhaltung zu kämpfen. Weil der Flughafen so alt ist. Wegen der Luftbrücke. Weil hier mal die Rolling Stones gelandet sind. Weil man nicht so lange beim Check-in warten muss, wenn man mal nach Växjö oder Friedrichshafen fliegen muss. Und natürlich, weil er so zentral liegt. Was ich merke, da ich direkt daneben wohne. Aber in Neukölln ist man ja bekanntlich hart im Nehmen, da macht es dann auch nichts mehr aus, dass man dem Piloten beim Landeanflug quasi die Hand schütteln kann. Außerdem habe ich ja auch Vorteile davon, z. B. wenn ich mal schnell nach Växjö oder Friedrichshafen fliegen muss.

Nichtsdestotrotz wäre mir eine Parkanlage Tempelhof zum Joggen lieber. Besonders toll fände ich eine Parkanlage Tempelhof als komplett hundefreie Alternative zur Hasenheide. Ich habe Angst vor Hunden.

Ach je, ich fürchte, aus mir wird nie eine Berlinerin. Sonja Niemann

Lieber nochmal von Tegel abfliegen. Den Flughafen wird es schließlich irgendwann auch nicht mehr geben.

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