Kultur : Was machen wir heute?: Schöne Ecken kennen lernen

Matthias Kalle

Bisher habe ich in Städten gelebt - so wie ja jeder Mensch entweder in einer Stadt oder auf dem Land lebt - wo denn auch sonst? Zuerst, in meiner Kindheit und Jugend, lebte ich in einer Kleinstadt, aber weil eine Kleinstadt einem irgendwann zu klein wird, ging ich weg, in eine größere Stadt. Die hatte eine Universität und eine H & M-Filiale und am Abend konnte man sich aussuchen, wohin man ausgeht - so was kannte ich nicht. Dann wurde ich größenwahnsinnig - die nächste Stadt, in die es mich zog, hatte zwei Universitäten, vier H & M-Filialen und am Abend wurde man fast verrückt, so viele Möglichkeiten gab es zum Ausgehen. Ich blieb drei Jahre, bis mich der Ruf nach Ruhm, Ehre und Anerkennung nach Berlin lockte. Vor drei Wochen zog ich dann um und ich dachte, ich ziehe nach Berlin, aber da hatte ich mich getäuscht. Ich zog in eine Straße in einer Gegend in einem Kiez eines Stadtteils von Berlin: Und zum ersten Mal in meinem Leben wohnte ich nicht mehr in einer Stadt. Wo ich denn hingezogen wäre, fragen mich Freunde aus der Kleinstadt häufig, und ich antworte: "Kreuzberg". "Ah, nach Kreuzberg", sagen die Freunde dann. "Und warum nicht Mitte oder Prenzelberg?" Menschen aus Kleinstädten, die in ihrem Leben noch nie in Berlin waren, sagen ja tatsächlich Prenzelberg, und sie glauben, dass man, wenn man nach Berlin geht, nach Mitte oder Prenzelberg zieht.

"Die Gegend gefällt mir halt", antworte ich dann meist - was anders fällt mir nicht ein und eigentlich ist es auch nur Zufall, dass ich nach Kreuzberg gezogen bin und nicht nach Mitte oder Prenzelberg - die Wohnungslage war eben so. Natürlich fragen auch Berliner, wo ich denn hingezogen sei und auch denen antworte ich wahrheitsgemäß: "Kreuzberg". "Ah, nach Kreuzberg", sagen die Berliner: "Und wo da genau?" Als ob es nicht mehr genauer ginge, aber Kreuzberg scheint ja in sich unterteilt zu sein - ein Stadtteil mit Stadtteilen. "Paul-Lincke-Ufer", sage ich darauf. "Schönste Ecke!", sagen die Berliner und lassen mich in Ruhe.

Da habe ich es also gut getroffen - nach Berlin gezogen und schon alles richtig gemacht, denn ich wohne in der schönsten Ecke. Jedenfalls in der schönsten Ecke Kreuzbergs. Wenn man mal von der Bergmannstraße und dem Südstern-Kiez absieht - da habe ich auch schon von Leuten gehört, das seien die "schönsten Ecken". Ich fragte nach - gab es noch mehr schöne Ecken? Und vor allem: Wo findet man die? "Ach", sagte ein Kollege, ein Alt-Berliner übrigens. "Lichterfelde, Britz oder Zehlendorf haben auch schöne Ecken. Aber da werden Sie im Leben nicht hinfahren", prophezeite er mir beim Mittagessen. "Ach. Und warum nicht?", fragte ich erstaunt. "Was wollen sie denn da?" "Na", antwortete ich, "wo ich doch schon in Berlin lebe, will ich doch auch ein bisschen die Stadt kennen lernen." "Lernen Sie erst mal Kreuzberg kennen", sagte der Alt-Berliner. "Das dauert lange genug." Wie lange, das hat er mir nicht verraten.

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