Was machen wir heute? : Schöner leiden

David Ensikat

Dass immer noch nicht Ostern ist! Es ist so warm, dass sämtliche Schokohasen längst geschmolzen sind. Und in der Philharmonie haben sie bereits die Johannespassion aufgeführt. Ich war dabei und darf all jenen, die es nicht waren, sagen: Schade, schade, aber eine bessere Passion werdet ihr in diesem Jahr nicht mehr bekommen.

Der Philharmonische Chor hat zwei Monate lang geübt, um das Stück ein Mal aufzuführen, nur dieses eine Mal! Öfter nicht, weil es in Berlin, wie es heißt, zu viele Chöre gibt und zu wenig Passionshörer. Merkwürdig. Fast so merkwürdig wie die Sache mit der Passion. Was die Christen sich da ausgedacht haben: Feiern mit der schönsten Musik den Tod ihres Gottessohnes, sind in ihrer tiefsten Trübsal hoch erfreut, weil er für sie gestorben ist.

Die Johannes-Passion hat Bach für den Gottesdienst geschrieben, und selbst wenn sie nicht in der Kirche sondern in der Philharmonie aufgeführt wird (vielleicht gerade dann) muss auch der ungläubigste Stiesel eingestehen: Wenn es einen Gottesbeweis gibt, dann diesen hier, diese Musik! Man muss ja nicht gleich anfangen zu beten, man muss nur einsehen, dass es etwas Größeres gibt als einen selbst.

Aber dann wundert man sich: Die schönsten Stellen in der Passionsmusik sind die perfidesten. Bach lässt den Evangelisten singen und Jesus und Pilatus, das sind die Guten (Pilatus kann man in dieser Version gar keinen Vorwurf machen). Sie singen allesamt sehr schön; aber nie so schön, so heftig, so niederschmetternd wie der Chor. Der ist für die Stimmen der Hohepriester und des Volkes zuständig, eben jener, die darauf bestehen, dass Jesus ans Kreuz geschlagen wird.

Verstehe einer diese Christenkultur! Üben zwei Monate, um einmal aufzutreten, und geben denen, die den Heiland sterben sehen wollen, die schönsten Stimmen. David Ensikat

Der Philharmonische Chor tritt wieder in der Philharmonie auf am 11. Mai, 16 Uhr: Edward Elgar, The Dream of Gerontius. Bach-Passionen gibt es in der Osterzeit allenthalben.

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