Was machen wir heute? : Schönschreiben

Sigrid Kneist

Die Ankündigung des neuen Klassenlehrers brachte mich ins Grübeln. Muss ich mir jetzt Gedanken machen, gleiten die Kinder schon in so jungen Jahren ab? Hat es doch etwas zu bedeuten, dass Bushido als der bekannteste Ehemalige von Charlottes Schule gilt? Die er selbstverständlich ohne Abschluss verließ.

Entschuldigungen werden also künftig nur noch handgeschrieben akzeptiert, und zwar von Elternhand geschrieben, getippte zurückgewiesen. Der Grund ist aus Sicht des Lehrers ein banaler: der Kampf gegen das Schuleschwänzen. Gefälschte handschriftliche Schreiben sind leichter zu erkennen als eine nachgemachte Unterschrift. Ja, sollten etwa unsere lieben Kinder bereits in der siebten Klasse schon so viel kriminelle Energie haben?

Andere Eltern finden es wahrscheinlich nicht weiter tragisch, die Zweizeiler aufzuschreiben. Ich schon. Der Lehrer weiß nicht, was er mir antut. Denn meine Handschrift ist einfach grausam. Wenn ich es irgendwie vermeiden kann, schreibe ich nichts, was außer mir jemand lesen soll, von Hand. Und selbst ich habe später oft genug Schwierigkeiten, dem Geschriebenen Sinn zu entlocken, es zu entziffern. Wenn das Unleserliche wenigstens interessant aussehen würde. Aber nein, die Schrift ist einfach hässlich. Ähnliches sah man früher nur von Ärztehand auf Rezepten; aber die dürfen jetzt alles ausdrucken. Wissen Sie, was ich befürchte? Der Lehrer wird denken, so schreibt kein Erwachsener, diese Entschuldigung kann nicht echt sein. Schon gerät Charlotte in den Verdacht ...

Das kann ich nicht wollen. Dafür bin ich eine andere Sorge los. Ein Blick auf die Schwänzerquote unserer Schule hat mich beruhigt, die ist wie für die meisten Gymnasien gering. Außerdem habe ich einen weiteren wichtigen Absolventen der Schule entdeckt. Und zwar Hans-Jürgen Papier, den Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts. Seriöser geht’s kaum. Der taugt viel besser zum Vorbild als Bushido. Papier wird bestimmt nie seine Entschuldigungen gefälscht haben. Sigrid Kneist

Berlinweit liegt die durchschnittliche Schwänzerquote bei 0,7 Prozent.

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