Was machen wir heute? : Schokolade trinken

Lothar Heinke

Alles ist schokoladenbraun, sogar die Fensterrrahmen, Sessel, Tische, die Bilder an den Wänden und natürlich der himmlisch duftende Kakao. Wir befinden uns in einer höllisch süßen, verführerischen Lage, im ersten Stock des Hauses Charlottenstraße 60 in Mitte. Die schöne Aussicht auf Dom und Gendarmenmarkt gibt es als Beilage gratis dazu. Ansonsten kommen „die Menschen“, wie unsere Kanzlerin immer zu sagen pflegt (warum eigentlich nicht gleich: „unsere Menschen“?) her, um schlemmend das Leben zu genießen, indem sie sich bei der Firma Fassbender&Rausch einem Geschmacksrausch hingeben. Hier hatten wir ein Restaurant vermutet. Dessen Clou sei die bizarre Verbindung von Braten mit Schokoladensauce, hieß es. Leider hat die Bratensaison bis Oktober Pause, also: Kehrtwende der Geschmacksnerven. Unverzüglich beugen sie sich allen Anfechtungen, in die uns ein Schokoladen-Café stürzt: Törtchen! Mousse au Chocolat! Tiramisu! Black Forest Kirsch! Wir hatten eigentlich nicht die Absicht, ein Schokoladentortenwettessen zu veranstalten, aber dann kommt die Kellnerin, und wir gehen voll in die schwarze Schokofalle. Die Törtchen sind überschaubar, und dazu gehört natürlich eine dieser edel-bitteren Trinkschokoladen mit dem schwungvollen Namen El Cuador mocha, direkt von der Plantage, mitten in Berlin.

Das Publikum ist entzückt, Schokolade beruhigt die Nerven, ist Medizin gegen Aggression. Als Goethe dichtete: Edel sei der Mensch, hülfreich und gut! hatte ihm da nicht gerade Christiane die 70prozentige Edel-Bitter verabreicht? Unten, im Rausch-Schokoladenladen, geht der süße Wahnsinn in die nächste Runde. Den Reichstag aus 285 Kilo Schoko lassen wir ebenso stehen wie die 2,75 Meter lange Schoko-Titanic, aber dann kullern uns die Bitter-Schoko-Perlen Xacoa über den Weg, „zur Steigerung des Wohlbefindens durch natürliche Antioxidantien“, Glücksperlen für 9,95 Euro. Und für süße Stunden. Lothar Heinke

- Schokoladen-Café, Charlottenstraße 60. Geöffnet täglich 11 bis 20 Uhr.

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