Kultur : Was machen wir heute?: Schokoladenpapier verstecken

Bernd Ulrich

Kennen Sie das? Wenn sich manchmal beim Blick auf die Kinder eine Art Schleier über die Augen senkt und es still wird im Kopf. Man sieht plötzlich Dinge an den Kleinen, die einem im Nahkampf des Alltags sonst gar nicht auffallen. Zum Beispiel, dass sie in ihrer Entwicklung einen Sprung gemacht haben, dass ein Gesichtchen reifer geworden ist, oder beschlossen hat, nicht mehr dem Vater ähnlich zu sehen, sondern der Mutter. In einem dieser klarsichtigen Momente, es war als Fritz eine Avocado löffelte, sprang mich kürzlich mal wieder an, in welch atemberaubender Fülle unsere Kinder leben, Mittelstandskinder in Berlin.

Das Angebot an Spielzeug, Nahrungsmitteln, Kultur, Medien - es ist überwältigend, und es überwältigt sie ja auch dann und wann. Kein Vergleich zu den meisten Kindern in den meisten Ländern der Erde, aber auch: kein Vergleich zu einer Mittelstands-Kindheit vor 30 Jahren. Nur drei Sorten Käse, nur drei Fernseh-Programme, nur zwei Turnschuhe, nur ein Urlaub und kein Joghurt. Man ist beinahe geneigt von den 60er Jahren als von der schweren Zeit zu reden.

Die Kinder wissen natürlich nichts von der Fülle, die sie umgibt, weil sie keinen Vergleich haben. Sie erfahren es nur schmerzhaft und mit einem Anflug von Empörung, wenn dann und wann, da und dort doch mal was fehlt. Natürlich reagieren wir, wie andere Eltern auch, auf diese angeborene Maßlosigkeit mit künstlicher Verknappung. Wir setzten Konsum-Grenzen, wo von selbst keine sind. Das ist echte, harte Erziehungsarbeit. Dies war in den schweren Zeiten wirklich leichter, weil man heute aus eigener Kraft beschränken muss, was früher schlicht ein äußerer Umstand war.

Einmal im Jahr machen wir aus dieser künstlichen Verknappung einen richtigen Kult, mittlerweile auch eine Tradition: Von Aschermittwoch bis Ostersonntag fastet die ganze Familie, genauer: alle, die mindestens zwei Jahre alt sind und leidlich verstehen können, worum es überhaupt geht. Dieses Jahr sind das erstmals alle fünf.

Verzichtet wird auf Süßigkeiten und Alkohol. Letzteres fällt naturgemäß den Kindern ganz leicht, ersteres ist eine große Herausforderung für die Kleinen. Nun sind sieben Wochen eine verdammt lange Zeit, so lang, dass sich für alle Beteiligten die Frage der Ausnahmen stellt und der Verführung durch Dritte - im Kindergarten, bei Geburtstagsfeiern oder wenn sich im April der Frühling warm auf die Haut legt und nach alkoholischer Verstärkung ruft. (Ein kleines Glas Vinho Verde auf dem Balkon, nur eins).

Überraschenderweise klappt das Fasten mit den Kindern ganz gut, obwohl zumindest die kleineren von ihnen gegenüber den Erwachsenen einen gravierenden Nachteil haben: Sie können viel schlechter im Geheimen sündigen. Zum Beispiel, weil sie kein Geld haben oder weil die Eltern immer das Schokoladenpapier finden.

Und weil der liebe Gott alles sieht. Das haben wir ihnen gesagt. Und alles verzeiht. Aber das sagen wir ihnen erst Ostern.

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