Was machen wir heute? : Sekt beim Fußball trinken

Wie ein Ost-Berlinerdie Stadt erleben kann

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Der Mann im Getränkekiosk verzieht das Gesicht: „Du kaufst das Bier doch nicht etwa, weil du die Tussis gucken willst?“ – Die Frauen? Ähh, ja, doch, schon. – „Ach nee, die spielen schlecht, und außerdem zeigen sie nichts.“

Er verkauft mir das Bier trotzdem, und ich mache mich schnell auf den Weg zurück nach Hause, schließlich kommen gleich noch ein paar nette Frauen aus der Nachbarschaft vorbei – wir wollen zusammen Fußball gucken. Die Kneipe an meiner Ecke hat auch Tische und Fernseher rausgestellt, viele Familien mit Softeis in den Händen bleiben stehen. Doch meine Freundinnen scheinen nicht auf das Eröffnungsspiel zu brennen – die Hälfte meiner Gäste kommt zu spät. „Wir haben noch Getränke geholt“, sagen sie und stellen Sekt und alkoholfreies Bier auf den Tisch. Stößchen!

Fußballgucken kann sich offenbar auch weich anfühlen, für mich eine neue Erfahrung.

Immerhin, die Bilder aus dem Olympiastadion sind schön, auch wenn die ARD schon Stunden vor dem Anpfiff eine „Gänsehautstimmung“ herbeisenden will. Aber nett ist es doch. Das Spiel läuft flüssig dahin, und in meinem Wohnzimmer geht zwar nicht die Welle rum, aber immerhin ein Melonenteller. Als die deutschen Tore fallen, jubeln alle zusammen. Allerdings, auch das ist mir neu, im Sitzen.

Diese WM ist auf jeden Fall entspannt, denke ich und gleite tiefer in meine weiche Couch. Auf dem Feld reklamieren die Spielerinnen, nachdem sie den Ball ins Aus geschossen haben, nicht den Einwurf für sich. Es gibt wenig harte Fouls. Nur abseits des Platzes muss man aufpassen. Als ich einmal rufe: „Das ist aber ein schlampiger Pass!“, werde ich sofort zurechtgewiesen: „Schlampe sagt man nicht.“ In der letzten halben Stunde steige ich von meinem Bier auf Sekt um. Ist besser so. Robert Ide

Das nächste deutsche Spiel kann man morgen mit noch mehr Freundinnen gucken: im WM-Quartier von „11 Freundinnen“ und Tagesspiegel im Lido, Cuvrystraße 7 in Kreuzberg.

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