Was machen wir heute? : Sesshaft werden

Stephan Wiehler

Berlin ist eine nomadische Stadt. Vielleicht liegt’s am sandig-sumpfigen Untergrund, auf dem man schwer einen festen Wohnsitz findet, womöglich wirkt auch die Mauer nach in einem übergroßen Drang zur Bewegungsfreiheit, zur Wechsel- und Wandelfreudigkeit. Es ist ein Kommen und Gehen, die Gepäckbänder laufen und laufen, und kaum hat man sich häuslich eingerichtet, reißt einen der Strom wieder mit. Ob man will oder nicht – manchen drängt es, andere fühlen sich verdrängt und haben ihre Not, neuen Halt zu finden.

Auch wir haben unsere Sachen gepackt und sind umgezogen. Nach fünf Jahren des anschwellenden Amüsierbetriebs auf der Schlesischen Straße brauchten unsere beiden Töchter getrennte Kinderzimmer und wir endlich einen Balkon abseits dröhnenden Verkehrs und grölenden Partygewühls. Aber wer sich in Kreuzberg bewegt, muss mit Gegenbewegung rechnen. So viel Freiheit muss sein in einer offenen Stadt. Was im Wrangelkiez der Tourist, ist auf der Sonnenseite des Bezirks, dem „bürgerlichen“ Süden zwischen Graefe- und Chamissotoskana, der Neubaubewohner: eine unliebsame Erscheinung. Kurz nach unserem Einzug hatten wir den ersten Farbbeutel an der Fassade.

„Das ist doch gar nichts“, sagte unser Kinderarzt, dem ich zufällig auf der Einzugsparty unseres neuen Nachbarn begegnete. „Uns haben sie einen Pflasterstein ins Fenster geworfen.“ Er habe daraufhin das Gespräch mit der linksautonomen Szene gesucht, erzählt er, anonym im Internet. Als er auf der Webseite indymedia.de über den Angriff schrieb und zu bedenken gab, dass seine Kinder bei dem Steinwurf zu Schaden hätten kommen können, antwortete ihm ein User, die „Scheiß Yuppies“ sollten aufhören, „ihre Kinder als menschlichen Schutzschild“ zu benutzen. Wir fühlen uns trotzdem wohl in Kreuzbergs Toskana – und wollen sesshaft werden. Stephan Wiehler

Sommerparty der Linkspartei Friedrichshain-Kreuzberg, Sonnabend 14-18 Uhr am Rosengarten (Karl-Marx-Allee, Höhe U-Bhf. Weberwiese), mit Politik, Grill, Musik und Spiel, unter anderem „Hau den Miethai“

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