Was machen wir heute? : Sich durchschaut fühlen

Robert Ide

Und, wie fandst du den Film? Es war klar, dass jetzt diese Frage zu bereden anstand. Jetzt, fünf Minuten nach dem Abspann eines ganz normalen Kinoabends: Popcorn-Tüte leeren, Bierflasche rausbringen, auf die Toilette gehen, reden. „Ich teile die These dieses Films nicht“, sagte ich. Meine Freunde sahen mich erstaunt an. Welche These?

Ich antwortete nichts, denn in Gedanken war ich ganz woanders: bei meinem persönlichen Kino-Abspann, der diesmal ganz anders verlaufen war als sonst. Nachdem nämlich das Licht im Saal wieder angegangen war und ich die letzten Popcornreste zusammengeklaubt hatte, umarmte mich plötzlich eine alte Freundin. Eine alte Freundin eines Freundes, um genauer zu sein. Sie erkundigte sich, wie es mir geht – so weit so gut –, aber dann forderte sie mich auf: „Robert, erkläre mir doch mal bitte diesen Film! Ich hab überhaupt nichts verstanden.“ Ich sah sie an, sie schien wütend zu sein. Was nur sollte ich dieser Frau sagen? „Ich habe den Film auch nicht ganz durchschaut“, antwortete ich entschuldigend und verabschiedete mich schnell zu meinen Freunden. Was sollte ich ihr sonst sagen?

Die These des Films erschien mir von Anfang an sonnenklar: Es ist möglich, sich in einen Menschen zu verlieben, nur weil er reich, mächtig und von einer Mission beseelt ist – und dafür einen anderen lieben Menschen zu verlassen, der finanziell ruiniert ist und dessen Vision gescheitert ist (im Film lebte der eine im Westen, der andere im Osten, aber das nur nebenbei). Komisch, dass die wütende Frau im Kino das nicht verstanden hatte, was ich zu verstehen glaubte. Denn soweit ich wusste, hatte sie genau das selbst erlebt: Ihr Freund war vor ein oder zwei Jahren weggezogen – zu einer Frau, die ihm das Leben einfacher zu machen versprach. Zuletzt habe ich von ihm gehört, dass er Vater wird.

Was also sollte ich ihr sonst sagen? „Ich habe den Film auch nicht ganz durchschaut.“ Ob sie mich durchschaut hat? Robert Ide

Yella. In vielen Kinos.

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